POPTICKERLEXIKON - das Archiv der Poptickers

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und bekommt bei Einstellung ein Autorenkürzel, bisherige Autoren: SY Ulrike Syha BL Bettina Land KG Katja Gieselmann MVM Marius von Mayenburg DG David Gieselmann TG Tim Grobe DAG Dag Kemser


 

ADRIAN, FERRAN siehe -> Bärlauch Ergänzung (1)

ALEXANDER MARCUS Bald ist ja wieder Grand Prix, und man wenn man mal alle ironische wie ernste Hysterie, die um diesen Schlagerwettbewerb gemacht wird, in einen Mixer schmeisst, kommt vielleicht am Ende Alexander Marcus raus. Alexander Marcus ist eine Kunstfigur, die vielleicht gar keine ist, die vielleicht gerade deswegen so ernsthaft zwischen Ironie und Ernst flirren kann, weil sie nicht erfunden und also keine Kunstfigur ist. In jedem Falle mischt dieser Alexander Marcus recht satte Electro- und Dancefloorbeats mit den Melodien und Texten von Schlagern, und heraus kommen merkwürdige Ohrwurmzwitter, deren theoretischer Reiz darin besteht, dass man nie weiss, wie sie gemeint sind, und deren praktischer Reiz es ist, dass sie, wie immer sie gemeint sind, funktionieren. Das einprägsamste Lied dieser Kunst- oder Nichtkunstfigur heisst „Papaya“, der Text geht so: „Die Fische hams am Feuer erzählt, da gibt‘s ein Land, in dem die Liebe regiert: Komm mit mir nach Papaya!“, darunter, unter diesen Zeilen wummert‘s und flibbert‘s, als wäre man in der Housedisse. Wenn man das hört, denkt man erst mal: „HÄ?“ - wenn man dann weiter hört, denkt man als nächstes: „HÄÄÄ?“, um im nächsten Moment „HÄÄÄÄÄÄÄ?“ zu denken. Und ganz zum Schluss will man das Lied noch mal hören.

Andere Lieder von Alexander Marcus heissen „Ciao Bella“, „Spiel, Satz und Sieg“ oder „1,2,3“, dessen Text so geht: „Heute hauen wir richtig auf die Pauke, und der ganze Ärger bleibt zu haus. Wir wandern von der Oder bis zum Rhein, es ist angezapft, komm schenk was ein! Hussassa, Hussassa, Heia! Heute brennt die Hütte, die ganze Nacht von Flensburg bis nach Garmisch und zurück, singen wir zusammen unser Lied! Wir singen eins, zwei, drei - oh, du wunderschöne Loreley, endlich geht‘s nach vorne, schwarz, rot, gold, das sind unsere Farben, der Wagen rollt!“. Wem da die Nackenhaare hoch gehen, sei auf die Videos verwiesen, in denen das Gesungene ins komplett Lächerliche gezogen wird: Alexander Marcus taucht in allen seinen Videos als dümmlich lächelnde Lichtgestalt auf, dessen blosse auratische Anwesenheit Wunder bewirken kann. So bringt er in merkwürdigem Falco-Frack und rosa Hose ein stehen gebliebenes Auto wieder zum Fahren, im Video zu eben jenem „1, 2, 3“ nämlich, in „Spiel, Satz und Sieg“ taucht er in einer völlig surrealen Handlung in einem Café auf, und schnappt dem Barista die Blondine weg, während er im Film zu „Papaya“ Plastikmeerestierbehangen und in gleicher rosa Hose, die sein Markenzeichen ist, an einer Insel angeschwemmt wird, was sich später als Traum entpuppt. Alle Videos haben gemeinsam, dass Alexander Marcus in recht gekonnte, teils moonwalkartige Tanzschritte fällt. Mit den ironisierenden Videos kann man also gar singen, dass Schwarz, Rot, Gold unsere Farben wären, und in dieser Rückkopplung zwischen Visuellem und Musik spiegelt sich nur ein Effekt, der genauso ohne die Videos in der reinen Musik eintritt: In ihr ist quasi antizipiert, dass sie entsetzlich ist. Und in diesem Sinne kann man Alexander Marcus nur mögen, wenn man ihn vorher schrecklich fand. Adäquat zum Prinzip der Pre-Taste-Music von Gonzales (siehe einen Text weiter unten), deren Wirkungsweise darin besteht, zu funktionieren, bevor man seinen Geschmack befragt, handelt es sich bei Alexander Marcus also um Post-Taste-Music, die sich nur dann entfaltet, wenn man seinen Geschmack bereits befragt hat, aber dann eben auch dazu bereit ist, ihn komplett abzuschalten.

Von diesem Post-Taste-Prinzip zeugt auch der Spruch, mit dem ein Alexander Marcus-T-Shirt beworben wird. Er lautet: „Bekenne Dich!“. Was ja nichts anderes heisst, als dass es Fans zu geben scheint, die ihre Vorliebe für die Musik von Alexander Marcus nicht offenbaren - aus Scham. Der Popticker hat zwar noch kein Shirt, bekennt sich aber doch: Ich habe Spass an Alexander Marcus. DG

ALL THE THINGS SHE SAID Lied der Popformation t.A.T.u., siehe -> Kuss

ANRUF (1) Meistens kommt er gegen Nachmittag. Es geht um die Verabredung von Nachtaktivitäten. Seit der Erfindung des Mobilfunks kommt er von unterwegs und tritt in inflationärer Form auf. Grundlegendes Merkmal ist der paradoxe Wunsch des Anrufers, eine Verabredung zu treffen, ohne sich dabei festzulegen. Anrufe enden meist mit der Verabredung, sich wieder anzurufen. Als prominentester Anrufer kann mit Sicherheit Ronald Kukulies gelten. Siehe auch -> Anrufbeantworter, -> Mailbox und ->SMS. MVM

ANRUF (2) Ein Freund von mit tätigt auch dann einen Anruf bezüglich der Abendplanung, wenn er sich über seine eigenen Pläne noch nicht ganz im Klaren ist. Und wenn ich ehrlich zu mir selber bin: Ich mache das auch so. Der Hauptgrund für den Siegeszug der Mobilfunkindustrie besteht darin, daß die Hemmschwelle zu telefonieren nicht mehr existiert, die Option eines Informationsaustausches genügt, um jemanden anzurufen. “Ich weiß zwar noch gar nicht, ob ich heute abend Zeit habe, aber wir könnten ja vielleicht ein Bier trinken, weißt du schon, was du machst? Wir können ja noch mal telefonieren.” Siehe auch -> Anrufbeantworter, -> Mailbox und -> SMS. DG

ANRUFBEANTWORTER Was man kaum mehr erinnert, ist, daß der Anrufbeantworter, Vorreiter der -> Mailbox, in seiner Anfangszeit teils ebenso verflucht wurde, wie später das -> Mobiltelefon. ("Ich spreche nicht auf diese Scheißdinger. Entweder, du bist zu hause oder eben nicht.”) Entgegen allgemein anders verlautbautbarter Bekundungen, man werde sich solch ein Gerät selber nie zulegen, hatte irgendwann jeder einen Anrufbeantworter, und es gab einen Wettbewerb darin, diesen eigenen möglichst originell zu besprechen. So überraschend schnell sein Siegeszug, so auch der Niedergang des Anrufbeantworters: Heute telefoniert man kaum mehr Festnetz, und statt auf besagtes Gerät spricht man auf die wesentlich abstraktere -> Mailbox. Vor ein paar Jahren nun hat die Telekom die so genannte T- netbox erfunden, und damit ist der Telekom die Fusion von Mailbox und Anrufbeantworter geglückt, denn die T- netbox ist so etwas wie die Mailbox für den Festnetzanschluss. Ohne, daß sich diese Erkenntnis bis zur Telekom herum gesprochen hätte, benutzt die T- netbox aber nahezu niemand: Ich als Anrufer spreche nicht darauf und als Angerufener wüßte ich auch nicht, wie ich meine T- netbox abhören kann, und ich bezweifele, daß irgend jemand in meinem Freundeskreis weiß, wie das geht. Um ehrlich zu sein, weiß ich noch nicht mal, ob wir eine T- netbox haben, wir hatten auf jeden Fall mal eine. Das in meinen Augen Schlimmste an der T- netbox ist, daß sie dem Angerufenen, der eine Nachricht erhalten hat, dies mitteilen will, indem er den Angerufenen erneut anruft. Man könnte also sagen, daß die T- netbox als moderne Ausgabe des Anrufbeantworters sich ohne Probleme in das System des Anrufes fügt, der einen weiteren -> Anruf zur Folge hat. DG

AOL siehe -> einstweilige Verfügung

AUFMERKSAMKEITSMANAGEMENT In Zeiten der Omnipräsenz der Medien ist die Aufmerksamkeit, die eine Person im Fernsehen erzielen kann, ein seltenes Gut, eine Ressource also, die man verwalten, managen kann. Unseliger Weise war es die Musikindustrie, die als erste Verstand, daß man, wenn man die Aufmerksamkeit chronologisch kanalisiert und damit dramaturgisch strukturiert, Kapital daraus schlagen kann, und sie erfanden die Castingshows. Hier wird Aufmerksamkeit, die den jeweiligen Kandidaten zuteil wird, vermarktet, und um sie zu erzielen, ist diesen Kandidaten zunächst einmal jedes Mittel erlaubt: Singen, Sex, Tumbheit ­egal. Um dennoch die Illusion hochzuhalten, es ginge um Musik, wurde dem Zuschauer, dessen Aufmerksamkeiten durch die Telekom gemessen wird, ein Kompetenzteam zur Seite gestellt, welches Jury genannt wurde. - deren Urteil freilich spielt in den meisten der verschiedensten Reglements nur eine dem anrufenden Zuschauer untergeordnete Rolle. Die Jurys in dem Dilemma durch die Illusion, es ginge um Musik, begründet zu sein, erfanden rationale Kriterien, die einem angeblich Zugang in die Welt des Pops gewähren: Singen können, tanzen können. Dabei war und ist Qualität natürlich niemals ein Kriterium von Pop. Unabhängig davon hatte die Musikindustrie mit dem Boom dieser Shows ein ungeahntes Problem: Sie schalteten wochenlange Werbeblöcke für Produkte, die es zum Zeitpunkt dieser Werbung noch gar nicht gab, diese Produkte sind nämlich die Platten derer, die als Belohnung der wochenlangen Strapazen eine machen dürfen. Um diese Platten zu produzieren bleibt dann weniger Zeit, als es zuvor für die Werbung gab, und dieser Umstand hat dazu geführt, daß weltweit noch keine Castingshow in der Lage war, Musik hervorzubringen, die gewissen Mindeststandards gerecht wird. Dies gelang selbst denen nicht, die potentiell das Zeug dafür gehabt hätten. Bester Beweis ist der ziemlich charmante Will Young, der das DSDS- Adäquat in England gewann: Seine erste Platte war ziemlich langweilig, seine Zweite aber, für die er sich mehr Zeit nahm, ist eine sehr schöne Popplatte geworden. Siehe auch -> Castingshowkandidaten und -> durchgecastet DG

BAHN siehe -> Impulsverkäufer

BÄRLAUCH Aus geheimen Quellen (die nicht der Vollwertküche huldigen, diese aber offensichtlich minutiös verfolgen von ihrer Berliner Hinterhof-Wohnung aus) wurde mir die Information zugetragen, dass der Bärlauch dabei ist, der Rauke in der bundesdeutschen Küche den Rang abzulaufen. Dieses Gerücht nahm ich mit gespaltenen Gefühlen auf, da a) sich der Bärlauch nicht hinterhältig als Italiener tarnt, somit also keiner kriminellen Machenschaften angeklagt werden kann, b) der Bärlauch der bundesdeutschen Küche ja schon lange innewohnt (Beweis: bereits damals 10jährige Kinder haben mir bereits vor 5Jahren Bärlauch-Pesto zu Weihnachten geschenkt, welches SELBSTGEMACHT war und offensichtlich auch essbar, Mario hat es nämlich tatsächlich gegessen, was man als liebender Vater schließlich auch muss); c) Bärlauch muss man gar nicht erst als Prestigeobjekt käuflich erwerben, es steht kostenlos überall auch so rum, man kann ihn also bequem selbst jagen, in heruntergekommen Stadtparks z.B., was ganz einfach ist, da das Zeug in der Masse einfach unerträglich und meilenweit STINKT. Also meine Forderung: Bärlauch weg aus der hippen Küche, damit ich meinen Bärlauch ganz unhip und in Ruhe weiter essen kann. Mahlzeit. siehe auch -> Rucola SY

Ergänzung (1) Es ist ein grundlegender Mechanismus der Popkultur, daß im Untergrund Beliebtes irgendwann in den Mainstream stolpert ­ ob die Urheber das Wollen oder nicht. Das Phänomen ist nicht auf die Popkultur begrenzt: So kommt das Neue in die Welt. Nun hat es auch den von Ulrike Syha so geschätzten Bärlauch erwischt: Er ist auf einer Pizza des Bahnhof-Fast-Food-Anbieters Ditsch gelandet, und zwar auf der Bärlauch-Buttermilch Pizzazunge. Ungeachtet dieses doppelten Stabreimes muß die Frage erlaubt sein, was die innovativen Köpfe bei Ditzsch bewegt haben mag, Bärlauch auf die Pizzazunge zu werfen, und vor allem aber, in welcher Form sich in oder auf selbiger auch noch Buttermilch befindet. Es ist wohl kaum anzunehmen, daß bei Ditsch Buttermilch auf die gebackene oder ungebackene Pizza gegossen wird, es ist wohl eher eine Zutat des Teiges, der dadurch möglicherweise sähmiger wird ­ auch hier ein eher im elitären Kreis entstandener Trend der modernen Küche, der sich in den Fast Food hinein etabliert: neue Geschmäcker durch überraschende Konsistenzen. Gerade ist das Restaurant "El Bulli" des Lebensmittelchemikers Ferran Adria erneut zum besten Restaurant der Welt gewählt geworden. Adria ist der Erfinder des explodierenden Parmesaneises, der elektrisierenden Milch-Pfefferblüten-Oblate oder der schwebenden Salbei-Ravioli. Das alles geht sicher noch siebzehn Schritte weiter als der Buttermilchteig bei Ditsch, aber doch scheint es dasselbe Phänomen zu sein. Im gewissen Sinne ereilte den Bärlauch also dasselbe Schicksal wie Adam Green: Beide waren erst einem kleinen Kreis bekannt, und heute kennt sie fast jeder. DG

BAYWATCH -DER FILM Gestern las ich eine jener Meldungen, bei denen man nicht weiß, ob man, weil man sie nun gelesen hat, weinen oder lachen soll. Die Meldung war, daß Jessica Simpson die Rolle von Pamela Anderson in der Kinoversion von Baywatch spielen soll. Arbeitstitel, und nun haltet euch fest: "Baywatch ­the movie". Man muß nun wirklich kein Kulturpessimist sein, um sagen zu können: Diese Rolle hat Jessica Simpson aufgrund ihres Busens bekommen. Um so eher stellt sich die Frage, in wie weit das, was damals Pamela Anderson in der TV-Serie spielte, eine Rolle im klassischen Sinne darstellt. Oder verhält es sich so, daß Jessica Simpson gar Pamela Anderson spielt, die die Rolle in Baywatch spielt? Aber vielleicht muß man bei dieser Meldung rein strukturell schon viel früher nachhaken und fragen: Baywatch im Kino? Sagt mal: Habt ihr sie noch alle? Zumal noch nicht mal sicher ist, daß Charakterdarsteller, Freedomlooker und Baucheinzieher David Hasselhoff dabei sein wird. Baywatch ohne Hasselhoff und Pam im Kino? Seid ihr denn des Wahnsinns? Ein weiteres nettes Detail in der Meldung: Den Film soll ein bekannter Horrorfilmregisseur in Szene setzen. Das paßt ja: Horror pur. Grüße vom Popkulturpessimisten Popticker. DG

BEKLOPPTER FROSCH siehe -> Klingelton

BERLIN (1) Die Geschwindigkeit der Geschichte Berlins ­insbesondere nach dem Fall der Mauer- hat längst sämtliche anderen Lebensbereiche dieser Stadt vereinnahmt: Architektur, Restaurants, Mode und so weiter. Vor allem aber hat sich die stete Veränderung im Alltag niedergeschlagen: Zumeist sieht man den jeweils aktuellen Zustand Berlins ausschließlich in der Differenz zu dem Berlin der Zeit, als man zugezogen oder aber zum ersten Mal glücklich dort war. Zusätzlich zu der objektiv historischen Geschwindigkeit der Stadt ist sie also in höherem Maße als andere Städte einer subjektiven Historisierung unterworfen. Kurioser Weise ist dieses private, subjektive Phänomen auch im Stadtbild zu beobachten: Die Verwestlichung des urbanen Raumes, welche sich wie Jahresringe eines Baumes in Halbkreisen in den Osten ausdehnt, hat dazu geführt, daß das aktuelle Berlin, das so aussieht wie zu der Zeit, als man in diese Stadt kam, sich immer weiter in den Osten verschiebt. Dieser Prozess ist weitgehend abgeschlossen, hat aber eine Zeit lang zu dem Satz "das ist nicht mehr mein Berlin" in vielerlei Ableitungen geführt, zum Glück aber hat auch diese berlinisch- sprachliche Erscheinung das zeitliche gesegnet und ist insofern kaum mehr Teil irgendeines Berlins.

Die Masse individueller Dispositionen zu Berlin hat zur Folge, daß sich ein objektives Erscheinungsbild einzelner Kieze gar nicht mehr herausbilden kann; sprich: Es sieht inzwischen sowohl objektiv als auch subjektiv überall gleich aus. Gut möglich aber, daß demnächst irgendwann Leute nach Berlin ziehen werden, die die meisten der neuen Häuser als das ansehen werden, was sie sind: häßlich. Denn wenn man heute an einem häßlichen Haus vorbei geht, kann man immer noch denken, daß dies eben nicht mehr mein Berlin ist, auch wenn sich niemand mehr traut diesen Satz auch auszusprechen. Die ersten Exemplare dieser Berlin- häßlich- Finder gab es bereits, die Tatsache aber, daß sie aus diesem Hass zugleich ein Buch machen, entlarvte die Haltung als letztlich berlinische Attitüde und als kläglichen Versuch eines Manövers, um möglichst rasch dazuzugehören. Berlin hat diese ersten Berlinhassprediger kaltschnäuzig absorbiert. Siehe auch-> Latte Macchiato, ->schwarz sauer, ->urbane Prothese und -> Impulsverkäufer DG

BERLINER FRÜHSTÜCK siehe -> Frühstücken in Berlin

BERLINER HAUPTBAHNHOF / LEHRTER BAHNHOF Wenn vieles neu ist, muß man alles neu machen ­ so hat sich jetzt die Bahn gedacht und an ihrem neuen Berliner Hauptbahnhof die Prototypen für die neuen Ticketautomaten aufgestellt. Das funktioniert dort folgendermaßen: Man geht an ein Terminal, an dem man sich eine Verbindung und ein entsprechendes Ticket aussucht, dieses erste Terminal spuckt dann einen Zettel mit Strichcode aus, mit dem man an ein zweites Terminal geht, an dem man dann die Zahlung durchführt und schließlich sein Ticket erhält. Was man also bislang an einem Automaten tätigte, muß man nun an zwei Automaten durchführen, das klingt erst einmal umständlich, und natürlich ist es das auch. Vielleicht möchte die Bahn in besonderen Stosszeiten, den Passagierfluss eindämmen und sicher gehen, daß Kunden, die ohnehin schon spät dran sind, auch sicher den anvisierten Zug verpassen, und deswegen schickt die Bahn diese Kunden an zwei Automaten, an denen man auch jeweils anstehen muß. Richtig erfreulich wurde es für mich dann, als ich mit besagtem Strichcode an das zweite Terminal ging, mit dem Code am Laser entlang fuhr und auf dem Bildschirm die Meldung erhielt: "Dieser Auftrag existiert nicht. Bitte wählen Sie erst einen Auftrag an Terminal 1" ­ das war also genau in diesem Windows-Tonfall, der einen zur Weißglut bringen kann, weil er suggeriert, man sei selber schuld an dem gerade aktuellen Dilemma, aber der Auftrag, der für Terminal zwei nicht existierte, was eindeutig nicht durch mich sondern von den beiden Terminals vergeigt worden, bzw. vielmehr: zwischen den beiden Terminals. Man kann in einem solchen Fall nur nichts machen, denn ich wollte an Terminal 2 ja zahlen, aber natürlich nicht für einen Auftrag, der für dieses verflixte Terminal nicht existierte. Ich rief zwar laut: "Doch, Du verdammtes Drecksterminal, der Auftrag existiert, und ich HABE ihn eben gerade am ersten Terminal ausgesucht!", aber der Bildschirm zeigte unbeirrt und unberührt seine Meldung "Dieser Auftrag existiert nicht. Bitte wählen Sie erst einen Auftrag an Terminal 1". Ich zog den Code erneut am Leselaser entlang, und dieses Mal existierte der Auftrag: Ein Ticket von Bingen am Rhein nach Mainz. Als ich das las und gerade fast ausgerastet wäre, hörte ich einen Mann neben mir schimpfen, er wolle nicht nach Hamburg, worauf ich ihn fragte, ob er von Mainz nach Bingen wollte. So war es. Wir tauschten also die beiden Terminals 2, zahlten und erhielten unser Ticket. So fördert die Bahn also die Kommunikation ihrer Kunden untereinander, in dem sie Aufträge auf dem Weg von einem zum anderen Terminal miteinander vertauscht. Auf dem ebenfalls komplizierten Weg zu meinem Gleis fragte ich mich dann: Warum kauft dieser Kerl in Berlin einen Fahrschein von Bingen nach Mainz? Siehe auch -> Impulsverkäufer, Frühstücken in Berlin und -> Wien DG

BERRY, HALLE siehe -> einstweilige Verfügung

BOHLEN siehe -> eintsweilige Verfügung

BOYGROUP Boygroups bestehen in aller Regel aus nicht mehr den Nöten der Adoleszenz obliegenden jungen Männern. Die Anzahl der Mitglieder ist zuweilen von entscheidender Wirkung; sie variiert von mindestens drei Mitgliedern bis maximal zehn. Dazwischen ist alles erlaubt, mehr Teilnehmer sprengen die Auffassungsgabe, bzw. den Blutdruck der Zielgruppe: definitiv den Nöten der Adoleszenz obliegende Mädchen. Wir skizzieren das Geburtsjahr der heute gängigen Boyband auf ungefähr 1990. (Die Historiker sind sich da sehr uneinig). Hauptziel im Erstellen einer Boyband ist zunächst, möglichst viel sehnsuchtsvolle Bedürfnisse der genannten Zielgruppe abzudecken. Als da wären: der Romantisch-Verschmuste, also der mit den blauen Augen, wahlweise auch blond, der "Jock", also der sportlich-durchtrainierte Harvard-Aspirant, der Freak, also der unorthodoxe "Ich-und-mein-Joint"-Typ, der Musiker, also der am Klavier, der Muskelmann, also der Älteste (d.h. etwa 21). Die durchschnittliche Haltbarkeit einer Boygroup beschränkt sich auf etwa 5 Jahre. Eine Boygroup (BG) wird unverhältnismäßig erfolgreich durch einen markanten Hit und das angemessene, unvermeidliche Merchandising der Teenager-Magazine, welche erheblichen Anteil am Erfolg, bzw. Miserfolg einer BG haben. Diese vermögen, daß die (Vor-)namen der Mitglieder schnellstens in Umlauf gelangen und daß somit das individuelle Objekt der Begierde für den Endverbraucher benennbar und, also, erreichbar scheint. Nachdem die Liebhabergemeinde gewachsen und die BG mit 1.Album ausgestattet, sich einen beträchtlichen Verkaufserfolg erarbeitet hat, der über die Grenzen des Provinziellen hinausgeht, beginnt in aller Regel der Höhepunkt ein er BG-Karriere: das 2. Album. Dieses hat dann Rekord-Verkaufszahlen zu verbuchen und gewinnt namenhafte Preise. An diesem Karriere-Höhepunkt angelangt beginnt sich das BG-Mitglied zu fragen, warum er weltberühmt ist für Musik, die er eigentlich ablehnt und leitet damit das Ende des Phänomens BG ein. Mitspracherechte beim Songschreiben, beim Gestalten des CD-Covers des 3. Albums und dem äußeren Erscheinungsbild enden im Desaster, zudem sind die ehemals durchschnittlich 16 jährigen, weiblichen Fans nunmehr 20, haben einen Freund und lesen Kafka. Eines der Mitglieder, zumeist der" Musiker", oder der "Freak" kündigt, zumeist völlig unerwartet, eine Solokarriere an, die in nahezu allen Fällen scheitert. Die BG existiert nun noch, um ein Mitglied kastriert, etwa sechs Monate, nimmt einen Farewell-Song auf und erstellt, zur Weihnachtszeit, ein Best Of-Album und ist damit für alle Zeiten BG-Vergangenheit. Überelebende des Phänomens BG sind entweder tot, Tankstellenbesitzer, oder heißen Robbie Williams. TG

BRANDES, DAVID siehe -> Charts

CAIPIPADS -> siehe urbane Prothese Ergänzung (2)

CAIPI TO GO -> siehe urbane Prothese Ergänzung (2)

CASTINGSHOWS siehe -> Aufmerksamkeitsmanagement, -> Castingshowkandidaten und -> durchgecastet

CASTINGSHOWKANDIDATEN Als hätte die SZ den Popticker verfolgt, findet sich in deren Wochenendteil auf einmal ein Artikel über ­ unter anderem - Vanessa S. Da liest man dann etwas fast schon Trauriges über sie: Die Platte "independence" ist bei einem winzigen Label erschienen, bei der sie die einzige Künstlerin ist, und die Aufnahmen für dieses Album hat sie offenbar mehr oder minder aus eigener Tasche bezahlt. So erklärt sich dann auch der Umstand, daß berichtet wurde, sie hätte gar keinen Plattenvertrag. In dem kurzen Gespräch, das der von mir sehr geschätzte Dirk Peitz mit ihr geführt hat, betont sie, wie sehr sie an sich glaube, daß sie Künstlerin sei, und kein Casting-Kaspar. "Ich bin so geil auf der Bühne, wenn ich ein Mann wäre, hätte ich auf der Bühne die ganze Zeit einen Ständer.", sagt Vanessa S. Ich habe mich dann heute mal gefragt, was eigentlich all die unzähligen Kandidaten der Castingshows so machen, von denen man nichts mehr hört, und im Internet nach ihnen recherchiert, und das war wie der Abstieg in den Keller der Popkultur. Das ewige Mantra all der Dee!s oder Dieter Bohlens, man könne es schaffen, wenn man nur wolle und an sich glaube, hat zu einem Heer von Teenagern geführt, die alle wahnsinnig an sich glauben, und daß sie es schaffen könnten. In diesem Heer ist Vanessa S noch die Speerspitze: Nektarios, Christina, Gracia und Daniel Küblböck ­ alle Ex-DSDSler - haben sich der alten Gruppen-Werte dieser Show erinnert, und sich für die Single "don’t close your eyes" als "4 united" zusammen geschlossen. Gunther war ebenfalls mal bei DSDS und hat sich mit Sedat zusammen getan und die Single "Caramba" heraus gebracht. Das Duo nennt sich "meant2be". Sedat war zuvor Mitglied bei der völlig gefloppten Formation "become one", die aus der Casting- Sendung "fame academy" hervor ging. Seine ehemaligen Bandkolleginnen Ji-In und Carolyn haben sich mit der Ex- Kommilitonin Susan zusammen getan und absolvieren derzeit Auftritte auf der "Autotuningmesse Essen" unter dem Namen "cast away". "meant2be" treten heute Abend bei der "Bacardi Feeling-Party" in Schwäbisch-Gmünd auf. Roy Black hat sich nach dem Auftritt in einem Bauhaus das Leben genommen. Wenn man sich die Fotos von diesen Formationen so anschaut, die es mit ihren Videos noch nicht mal in viva schaffen, wenn man vor allem auf den offiziellen Internet-Seiten auf den jeweiligen Link "Termine" klickt, dann möchte man am Liebsten laut ausrufen: Es ist keine Schande, wenn ihr den Glauben an euch verliert. Werft das doch hin. Werdet Sportberichterstatter oder Bankkauffrau oder Kioskbesitzer oder Krankenpflegerin. Aber tut euch das doch nicht mehr an, zu glauben, ihr könntet es schaffen. Stellt euch mal vor, wie es wäre, wenn ich ­ David - nun auf einmal daher kommen würde und sage: Ja! Ja! Ich werde Atomphysiker! Und ich weiß, ich kann das schaffen, wenn ich es nur will, wenn ich auch wirklich an mich glaube. Und ich glaube an mich! Ja! Ich muß natürlich hart an mir arbeiten. Die Atomphysik, das ist ein hartes Business. Die Leute in der Atomphysik, die können keine Weicheier brauchen. Natürlich bin ich nicht so, weil ich schon über ein gewisses Maß an Selbsteinschätzung verfüge: Es ist schlicht logisch, daß ich, selbst wenn ich es noch so wollte und daran glauben würde, es nicht zum Atomphysiker bringen würde. 17-Jährige, die glauben das. Dee! und wie die alle heißen, die dürfen das immer noch Hunderten von Teenagern ungestraft erzählen. Zur Zeit gibt es wieder Popstars. Die stehen da immer noch vor aufgebrezelten Girlies und geklonten Bubies und sagen das immer wieder: "Du kannst es schaffen! Wenn du nur willst, dann kannst du Popstar werden. Aber was du da eben abgeliefert hast, da kann man einfach sehen, du willst es offenbar gar nicht." Daneben steht Ex-no-Angel und FHM-Nackedei Sandy und sagt: "Glaubt ihr, ich hätte es damals in die Band geschafft, wenn ich es nicht wirklich gewollt hätte? Glaubt ihr, wenn ich damals so schluffi drauf gewesen wäre wie ihr eben, glaubt ihr, ich stünde dann heute hier?" Man muß diese Idioten wirklich dazu verpflichten, daß sie die Wahrheit sagen: Daß es extrem unwahrscheinlich ist, daß sie es schaffen werden. Daß der Markt von Castingbands und Teenagern, die an sich glauben, vollgestopft ist. Daß es diesmal wohl noch erbärmlicher verlaufen wird als bei "preluders" und "overground". Daß es nach dieser Staffel ohne Charteinstieg und viva wohl direkt nach Schwäbisch-Gmünd auf die Bacardi Feeling-Party oder zum Nacktshooting bei FHM geht. Wenn die Mädchen denn schon 18 sind. Aber wenn ihr wirklich an die Autotuningmesse Essen glaubt, dann könnt ihr das schaffen. siehe auch -> Aufmerksamkeitsmanagement und -> durchgecastet DG

CATTERFELD, YVONNE siehe -> Sophie, Braut wider Willen

CHARTAFFÄRE siehe -> Charts

CHARTS Wenn sich ein Popmusikproduzent selber in die Charts kauft, ist das Ziel seines Handelns, in den Charts zu verbleiben, ohne dafür weitere CDs selber kaufen zu müssen. Diese Handlung entspricht zunächst einmal einem Grundgestus potentieller Charttitel: Das stete Behaupten der eigenen Angesagtheit ist ein wesentliches Charakteristikum von Pop. Die Charts nun bilden ab, welche Lieder in der letzten Woche angesagt waren, wieviel Aufmerksamkeit ihnen zuteil wurde; und sie verheißen in dieser Funktion wiederum das Erzeugen von Aufmerksamkeit: Aus einer guten Chartposition ergibt sich zumeist eine höhere Rotationsquote in den Musikwerbepausen der Klingeltonsender, bei Radiosendern, (die umgekehrt in manchen Ländern auch wieder zu höheren Chartpositionen führen), sowie Auftritte in Chartshows wie Top of the Pops. In diesem Sinne kann man David Brandes, welcher von sich selber produzierte Musik in großer Stückzahl kaufen ließ, nur Recht geben, wenn er sagt: Das macht doch jeder. Denn natürlich versucht jeder gute Manager von Musik, auf die von ihm gemanagten Titel aufmerksam zu machen, auf daß hieraus ein Selbstläufer entstehe; nicht jeder aber kommt auf die Idee, seine eigenen CDs zu kaufen, und das liegt wohl eher nicht daran, daß es so kompliziert ist, das System der Chartermittlung zu überlisten, es liegt ganz einfach daran, daß es wesentlich bessere Ideen gibt, den Schneeball der Aufmerksamkeit anzustossen.

Tim Renner beschreibt in seinem Buch "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm" die immense Wichtigkeit, die dem Fernsehen beim Verkaufen von Musik im Laufe der 90er Jahre zufiel, wie sich das wirtschaftliche Verhältnis zwischen Musikindustrie und TV ­ Sendern um 180° gedreht hat. Die Fernsehsender waren lange Zeit der Ansicht, es erhöhe ihre Attraktivität, wenn in ihren Sendungen Popstars auftreten, bis sie begriffen, daß es auch umgekehrt die Attraktivität von Popstars steigert, tauchen diese im Fernsehen auf. Das Fernsehen kam so auf die Idee, Aufmerksamkeit nicht nur kaufen sondern vielmehr zu verkaufen. So gesehen haben die Fernsehsender dieselbe Entwicklung durch gemacht wie die Charts: Beide sind von Aufmerksamkeitsermittlern zu Aufmerksamkeitszuteilern geworden. Das Fernsehen als handelnde Größe allerdings ist diesen Weg freiwillig und vor allem Dingen auch noch einen Schritt weiter gegangen: "Wenn wir Aufmerksamkeit zuteilen können", so sagten sich die Fernsehmacher "wäre es eigentlich noch klüger, uns gehörten auch die Objekte auf die wir diese Aufmerksamkeit verteilen." Und so wurden die Fernsehsender zu Musikmanagern eigener Popstars. Das erste Objekt dieser Wertschöpfungskette durch die Aufmerksamkeitszuteilung der Fernsehsender war Sarah Connor: 1999 begann RTL in unzähligen Sendungen zu behaupten, die blonde Detmolderin sei ein Popstar, und zwar so lange, bis sie es tatsächlich war. Das Marketingmodell funktionierte so gut, daß sich die Fernsehsender fragten, ob man aus der Entscheidung, von wem sie behaupten könnten, er sei ein Popstar, auch noch Geld machen könnte und sie erfanden die Castingshows. Die Aufmerksamkeitskapitalisierung hat in diesem Geschäftsmodell seinen Höhepunkt gefunden, glücklicherweise kollabierte es aber auch an Übersättigung des Marktes.

Nun aber fragt der Popticker: Worin unterscheidet sich der von David Brandes engagierte Gracia-CD­Käufer strukturell von dem Käufer, der sich, nachdem er wochenlang von einer Castingshow befeuert wurde, die CD einer Band namens "nu pagadi" kauft? In beiden Fällen existiert die Behauptung: Seht her, dieser Interpretin wird Aufmerksamkeit zuteil. Nimmt man einmal den Aufwand, den ein Fernsehsender inzwischen betreibt, um die Aufmerksamkeit zu kapitalisieren, als Maßstab, so hat das Aufkaufen der eigenen CDs schon fast wieder ein charmantes Understatement, man könnte sagen, David Brandes handelte getreu der Maxime: Back to the roots. Natürlich gibt es doch einen kleinen Unterschied zwischen dem behaupteten Käufer eines Brandes ­ Produktes und demjenigen, der sich ohrwurmgeschädigt "we have a dream" von DSDS kauft: Letzterer setzt sein eigenes Geld ein, während der organisierte Kunde das Geld von David Brandes verbrät, und das ist der einzige Grund, warum man den scheinbar freiwilligen Käufer eines Liedes für relevanter und repräsentativer hält, als denjenigen, der im Auftrag kauft. In wirtschaftlicher Hinsicht spielt jedoch im Spiel um behauptete Angesagtheit das tatsächlich für Musik eingesetzte Geld eine eher untergeordnete Rolle. Greift man noch einmal das Beispiel der Debutsingle "sweetest poison" der aus der dritten "Popstars!" ­ Staffel hervor gegangenen Band "nu pagadi" auf, so muß man nämlich sagen, daß geschätzte, höchstens acht bis neuntausend Käufer der Single nichts sind verglichen mit ebenfalls geschätzten 2,5 Millionen Zuschauern der finalen "Popstars!" ­Show, von denen sicher auch ein Drittel Geld dafür gezahlt hat, um per Anruf die Band zusammen zu stellen. Die Geldsumme, die durch den Singleverkauf eingenommen wurde, sind ein Bruchteil dessen, was die deutsche Telekom nach diesem Abend an PRO 7 gezahlt haben wird. Somit war der Erfolg der Single, die es eine einzige Woche auf Platz 1 schaffte, für den Erfolg der Sendung letztlich vollkommen irrelevant; allerdings mit einer für die in die Band gewählten Karaokesänger höchst relevanten Folge: "nu pagadi" sind einige Monate nach ihrem Entstehen bereits zurecht Vergessenheit anheim gefallen. Am Gründungsabend sprach der zu diesem Zeitpunkt noch designierte Produzent der später entstandenen Formation die Worte: "Was wir hier heute Abend erleben, das hat es in Deutschland so noch nicht gegeben." Und der früherer Nena- Keyboarder Uwe ­ Fahrenkrog Petersen hatte Recht mit dem, was er da sagte: Diejenigen, die am darauf folgenden Montag in den Laden rannten und sich das beschissenste Lied 2004 zu kaufen, sind meiner Meinung nach mit viel unlauteren Methoden zum Kauf überredet worden, als die die David Brandes engagierte. Wenn Petersen sich nun ebenfalls in den Chor derer einreiht, die mit dem Finger auf Brandes zeigen und sich über dessen Betrugsversuch aufregen, kann man nur sagen: Halt dein verlogenes Maul.

Es ist im Grunde also schon schade, daß David Brandes so ein schleimiger Dummkopf ist, der fast so schlechte Musik macht wie Uwe Fahrenkrog ­ Petersen und dessen Schlagerkomponist Lukas Filbert ­ denn sonst könnte man das Aufkaufen der eigener CDs lustig und als Kunst ansehen: Die Idee des in die Charts ­ Kaufens folgt nur auf besonders dreiste Weise einer grundlegenden Strategie von Popmusik. DG

CRAZY FROG siehe -> Klingelton

DIDO siehe -> Simulation

DISKETTE siehe -> Diskettenlaufwerk

DISKETTEN-LAUFWERK Ein Minidrama.

Frau Syha bei MediMax in der Reparaturabteilung: "Äh, sorry, ich hab hier vorhin meinen Labtop abgegeben - da ist noch eine Diskette drin, da ist eine Übersetzung drauf, die brauch ich vielleicht wieder, bevor Sie hier irgendjemand meistbietend versteigert..."

Herr Wurm von MediMax: "Da war nur ein Spiel drauf."

Frau Syha, leicht panisch: "Wie bitte?"

Herr Wurm, leicht genervt: "Auf der CD war nur ein Spiel drauf."

Frau Syha, extrem panisch: "Also hören Sie mal, Herr Wurm, nicht dass Sie glauben, man könnte da wirklich VIEL Geld mit verdienen, so ist das auch wieder nicht in der Kulturindustrie..."

Herr Wurm, extrem genervt: "Da ist sie doch schon, Ihre CD. Kein Stress bitte."

Frau Syha: "Was soll ich mit dieser blöden CD? Die gehört mir nicht. Ich rede von einer Diskette. Schwarzes Ding. Flach. Beschriftet. Kann man Informationen drauf speichern."

Herr Wurm: "Kein Labtop hat heutzutage noch ein Diskettenlaufwerk."

Frau Syha, persönlich beleidigt: "Meiner schon."

Herr Wurm, persönlich interessiert: "He, Peter, Klaus, Hassan, kommt mal rüber, schaut mal, wie niedlich, der hat noch ein Diskettenlaufwerk, dasgibt's doch nicht..."

Kleiner Massenauflauf an der MediMax-Reparatur-Theke, Sammler, zwielichtiger Gestalten, echte Computerfreaks tauchen auf. Um mich samt Diskette retten zu können, musste ich versprechen, den Labtop nach Erwerb eines neuen (also beruhigenderweise erst im nächsten Jahrtausend) im Hamburger Museum der Arbeit ausstellen zu lassen, wo er im erstickenden Gestank von uralter Druckerschwärze neben anderen ausrangierten Arbeitsgeräten des 19. Jahrhunderts einen würdigen Platz einnehmen soll. Was dazu führt, dass - lieber Popticker - der Bundeskanzler bei seinem nächsten Hamburg-Besuch wohl nicht wieder ins (natürlich viel schönere) Gewürzmuseum, sondern in Barmbek ins Museum der Arbeit gehen müssen wird... was so schlimm aber nicht ist, da dort ja früher oder später wahrscheinlich ohnehin ganz Deutschland landet - ist er eben nur ein bisschen früher da als wir anderen... ENDE

(Anmerkung für die Literaurkritik: ich hoffe, Sie haben bemerkt, dass ich hier äußerst wagemutig und experimentell die engen Grenzen der Mini-Dramatik gesprengt habe, um mich über einen an klassische Kurzprosa angelehnten Mittelteil der Briefliteratur vergangener Jahrhunderte zuzuwenden... ah, daswar Ihnen klar. Gut, okay, habe ich Sie wohl doch unterschätzt, sorry.) ENDE ZWEI SY

Ergänzung (1) Ganz toll waren auch die sogenannten Floppydisks, die dünner waren als die späteren inzwischen veralteten Disketten, und die vor allem eins waren: floppy. Deswegen hiessen sie wohl auch so. auf Floppydisks speicherte man zum Beispiel "summer games". Wer noch kein Floppydiskleser für den C64 hatte, der hatte Spiele auch teilweise auf -> Kassetten. Damals gab es sogar Radiosender, die Spiele als Audiobrei sendeten: Man hörte nur Fiepsen, Rauschen und Krach, den man aufnahm, und wenn man das Ganze dann aber in dem Kassettenlesegerät für den C64 abspielte, dann war auf einmal ein Spiel auf der Kassette. Das war vielleicht abgefahren. DG

Ergänzung (2) Und heute käme man dafür in den Knast. Ein schieres Wunder, dass damals niemand der festen Überzeugung war, er habe Signale außer-terrestrischen Lebens empfangen. SY

DJ THOMEKK siehe -> featuring

DOUGLAS siehe -> Paris Hilton

DROP IT LIKE IT'S HOT Hit von Snoop Dogg feat. Pharell, siehe -> zustimmendes Gemurmel

DURCHGECASTET Synonym für "castingmäßig abgegrast". Nach dem Boom etlicher Castingshows im Fernsehen (DSDS, Popstars, Fame Academy, die Stimme, Star Search) galt Deutschland als durchgecastet: Jeder, der in der Lage ist unter großem psychischen Druck Karaoke zu singen, hatte es in einer der genannten Shows auch einmal versucht. Da es offenbar nur eine überschaubare Anzahl entsprechender potentieller -> Castingshowkandidaten gibt, tauchten einige von ihnen auch in mehreren Formaten und mehreren Runden (hier oft "Recall" genannt) auf. Siehe auch -> Aufmerksamkeitsmanagement und -> Castingshowkandidaten DG

E-BAY Internet-Location, die sich als Supermarkt tarnt, letzlich aber ein totales Zockerparadies ist. Frei nach dem Motto: hier können Sie alles kaufen, was Sie überhaupt nicht wirklich brauchen, und dies zu völlig übersteigerten Kosten, da die meisten ihre Internetrechnung irgendwie kurzzeitig aus dem Blick verlieren, wenn sie meinen, den Comic nicht auch woanders kaufen zu können (oder die Portokosten, auch da kann man immer wieder auf Zu-schnell-Leser stossen, als Käufer und Verkäufer). Wegen der Internetrechnung ist ebay auch am Arbeitsplatz besonders beliebt, bei etwas finanzorientierteren Individuen zumindest. Angst machen muss einem das alles aber nicht. Der Bazar hat doch ohnehin schon längst gewonnen gegen den europäischen staatlich orientierten Handel, und meinem Freund G.W. Bush ist das irgendwie entgangen. Was mich freut. Mulmig werden sollte einem erst, wenn man die Kaufs- und Verkaufsgeschichten der Leute, mit denen man so Handel treibt, aufwändig zurück verfolgt. Eine Aktion, bei der ich mich selbst unlängst beobachtete. Irgendwie war mir so, als könne ich jemand, der sunnysolo37 (45 Sternchen) heißt, nicht ernsthaft ein Buch von mir überlassen, auch wenn ich dieses nie gelesen habe und er / sie gut dafür bezahlt hat. Irgendwie wollte ich rausfinden, dass er / sie aus irgendeinem Grund die rote Karte und MEHR verdient - tat er / sie / es aber nicht. Ich hasse perfekte Wesen. Und dann bedankte sich das perfekte Wesen auch noch per persönlicher e-mail. Ein Grauen. Ist ebay also nur dazu da, uns die biblischen Ausmaße unserers zwischenmenschlichen Misstrauens zu verdeutlichen? Ich sage: ja, auch Gott ist einsam, und ebay ein Wegweiser zu dem Besseren in uns, die Welt ist wüst und leer, reicht euch die Hände, weichet weg von den Computertasten und gebet eure Comics an Menschen eures Wohlempfindens und spuckt vorher nochmal ordentlich drauf. Amen. SY

EC KARTE siehe -> urbane Prothese

EINSTWEILIGE VERFÜGUNG Der Popticker gratuliert Dieter Bohlen. Was ihr nicht wissen könnt, ist, daß ich mich eben erst verschrieben habe und dichtete: Der Popticker gratiniert Dieter Bohlen. Fraglich ob ein gratinierter Bohlen besser zu ertragen wäre als ein leibhaftiger ­trotdem ein freudscher Verschreiber. Also. Wie gesagt wollte ich Bohlen nicht primär gratinieren sondern gratulieren. "Zu was", wird man jetzt zu recht fragen: "Zu was gratuliert denn der Popticker dem Dieter Bohlen, der Bohlen ja wohl eher verachtet?" ­oder es ist vielmehr klar, denn Bohlen hat mit seinem neuem Buch, dessen Verfasser er natürlich gar nicht ist, den unzweifelhaften Rekord aufgestellt, acht einstweilige Verfügungen gegen seine Veröffentlichung provoziert zu haben. Verschiedene prominente Menschen fühlen sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt, und ich bin sicher, daß das auch so ist: In diesem Buch vorzukommen ­egal in welchem Zusammenhang- ist an sich eine Persönlichkeitsrechtsverletzung. Insofern müßte man Bohlen, falls er weiter Bücher zu veröffentlichen gedenkt, auferlegen, solche zu schreiben, in denen zur Gänze gar keine Personen vorkommen. Doch genug davon: Bohlen ist die Pixel des Poptickers nicht wert. Jeden Pixel wert aber ist Nicole Kidman, allerdings: Bei Männern hat sie einen schlechten Geschmack. Jetzt ist sie mit Lenny Kravitz zusammen, der erst kürzlich seine bislang bei Weitem grottigste Platte gemacht hat, auf der er versuchte, soulig zu klingen. Dagegen hat sich Halle Berry von ihrem Mann getrennt. Das ist eine freudige Nachricht für alle männlichen Singles, denn Halle Berry, die, wie Stefan Raab einmal witzelte, wahrscheinlich wie der Sohn von David Beckham und Victoria Spice Brooklyn nach dem Ort benannt ist, in dem sie gezeugt wurde, hat sehr viel Geld. Und hier zeigt sich wieder, wie der Anspruch des Poptickers, so viele Popstars und Pointen wie möglich in zig ineinander geschachtelte Nebensätze zu packen, kollabiert, so daß weder Pop noch Pointe sitzt. Denn natürlich wollte ich erst mit dem Beginn des Satzes, Halle Berry hätte sich von ihrem Mann getrennt, was sicher alle männlichen Singles freuen würde, die Erwartungshaltung erzeugen, nun käme eine Bemerkung darüber, daß sie manchmal als erotischte Frau der Welt gilt, um die Erwartungshaltung dann aber zu brechen, und eine Anspielung auf ihren Kontostand zu machen. Innerhalb dieser rhetorischen Strategie fiel mir der Witz von Stefan Raab ein, der darauf basierte, Halle Berry könnte in Halle gezeugt worden, was die Erwartungshaltung, nun käme eine Anspielung auf Halle Berrys Schönheit, vergessen machte. Knapper, bissiger wäre es so gewesen: Halle Berry hat sich von ihrem Mann getrennt. Das wird alle männlichen Singles freuen, denn Halle Berry hat sicher ziemlich viel Geld. Ich muß allerdings einngestehen: Auch in dieser Kürze, in der ja bekanntlich die Würze steckt, war der ganze Halle Berry- Strang nicht wirklich von umwerfendem Witz. Aber apropos erotischste Frau der Welt: Als erotischste Frau Deutschlands wurde in einer Umfrage von AOL gerade Juliette Schoppmann gewählt. Das habe ich heute morgen als Schlagzeile auf einer dieser AOL- Internetstationen gelesen, als ich gerade eine latte to go bestellte. Natürlich fragte ich mich: Wer um alles in der Welt ist Juliette Schoppmann? Ich nippte den ersten Schluck durch den Nuggelausgang des urbanen Milchkaffeebechers und las: Juliette Schoppmann hat den zweiten Platz bei Deutschland sucht den Superstar geholt. Die AOL- Nachricht ging dann so weiter: "Schon bei den Shows zu DSDS wurde deutlich, daß Juliette nicht nur singen kann, sondern auch optisch einiges zu bieten hat." Liebe Freunde von AOL: Die Formulierung, jemand hätte auch optisch einiges zu bieten, ist wirklich indexwürdig. Mag sein, daß Frau Schoppman hübsch ist, und AOL kann ja auch nichts dafür, daß man sich nicht mal mehr einen Künstlernamen für SängerInnen ausdenkt, die Juliette Schoppmann oder Martin Kesici heissen, aber dann sagt doch bitte: "Juliette Schoppmann kann gut singen und sieht toll aus." oder so. Ich könnte vielleicht den Halle Berry- Satz noch mal ausbessern, in dem ich nun einfach sage: Halle Berry hat sich von ihrem Mann getrennt. Das wird alle männlichen Singles freuen, denn Halle Berry hat finanziell wie optisch einiges zu bieten. Wobei nun die Erwartungshaltung, es käme eine Bemerkung über ihre Schönheit, ja eingelöst wird, womit man sie eigentlich auch nicht mehr zu hegen braucht, und man sagen könnte: Halle Berry hat sich von ihrem Mann getrennt. Weil sie ja sowohl finanziell als auch optisch einiges zu bieten hat, wird das alle männlichen Singles mit wenig Geld freuen. Nicht gefreut, und nun verbinden sich alle Stränge des heutigen Poptickereintrages, hat sich auch Juliette Schoppmann über das neue Buch von Bohlen. Dort geht es in einem Kapitel darum, wie häßlich einige Körperteile einiger Prominenter sind. Unter Anderem der Penis des Sängers von Pur und der Busen von Juliette Schoppmann, die auch stimmlich einiges zu bieten hat. Ich bin nun wirklich kein Freund von Pur oder von Juliette Schoppmann, aber was zu viel ist, ist zu viel. Auch der Popticker spricht hiermit eine einstweilige, nein: Eine immer währende Verfügung gegen dieses und alle weiteren möglichen Bohlenbücher aus. Wir wollen ein für alle mal keine Bücher lesen, in dem ganze Kapitel vom Busen von Juliette Schoppmann oder dem Penis des Sängers von Pur handeln. Schluß, aus, fertig: Scheiss Bohlen.Und zu guter Letzt des bisher längsten Poptickereintrages seit Beginn des Poptickers noch dies: Halle Berry, die, wie eine Umfrage von AOL, bei der als erotischste Frau Deutschlands die zweitplazierte DSDS- Teilnehmerin Juliette Schoppmann gewählt wurde, ergab, optisch so viel zu bieten hat, daß sie als erotischste Frau der Welt gewählt wurde, dürfte, im Zuge dessen, daß sie sicher auch finanziell einiges zu bieten hat, mit der Nachricht, sich von ihrem Mann getrennt zu haben, einige männliche Singles, die zur Zeit pleite sind, erfreut haben. DG

ERTRAGSWINKEL siehe -> Geschlossenheit

EVA HERZIGOVA siehe -> Wonderbra

FEATURING In einem kurzen Interview mit Seeed habe ich eine interessante Sache erfahren. Der Hauptsänger der 11- köpfigen Berliner Reggae- und Dancehall- Band spricht über die Kollaborationen mit anderen Musikern und sagt: "Wir hätten auch nach Los Angeles reisen und Busta Rhymes engagieren können. Der kostet im Moment 30000 Dollar pro Track." Aha. Die Duette also, die angeblich so entstanden sind: Man habe sich auf der und der Party kennen gelernt und so viele Parallelen verspürt, daß man sich einig war, wie großartig es wäre, mal zusammen zu arbeiten ­ diese Geschichten sind reine Legenden, unbekanntere Acts kaufen sich bekanntere, um sich eine Scheibe von deren Ruhm abzuschneiden. Nun stellt sich natürlich die Frage, in wie vielen Fällen Duette (___ featuring ----) so zu Stande gekommen sind ­und: Wer dann wen gekauft hat. Hat Mariah Carey 30000 an Busta Rhymes gezahlt oder umgekehrt? Eine Karriere jedenfalls steht auf einmal in einem ganz anderen Licht: die des DJ Thomekk, bei dem man sich immer fragte, wie er die ganzen US- amerikanischen Rapstarswohl ans Mikrofon bekam. Jede seiner Singles ist nämlich ein wahres featuring- Festival. (Seine Legenden der Kollaborationsentstehung geht so: "Ich hab Lil Kim meine beats und styles gezeigt, und die war sofort crazy begeistert.") Auch die Single "gangstaville part 2" wird gefeatured, die vollständige Interpretenangabe lautet hier: DJ Thomekk feat. G- style, kurupt & Tatwaffe. Bei so viel street credibility schon in den Namen darf natürlich auch der Text in Nichts nach stehen, und so schuf DJ Thomekk also einen deutschen Rap- Text, der zwar nicht, wie man vermuten könnte, von Dieter Bohlen stammt, und dann aus dessen Englisch ins Deutsche rückübersetzt wurde ­aber er hat mit dem Modern- Talking- Auflöser immerhin gemeinsam, mit seiner Karikatur identisch zu sein, der Refrain geht so: "Tu mir den Gefallen und bleib‘ Gangster / das heißt, mach genau das, was Du denkst klar / steig in den Wagen, zeig mir dir Straßen / Gangstaville, wir rasen". DG

FERNSEHEN Neulich fand Maren eine sehr prägnante Definition für das Fernsehen. Sie sagte, dies sei der öffentliche Wettbewerb um den Titel der weltweit dümmsten Person. Aus diesem Wettbewerb heraus entwickelte sich die Spezies dummer, öffentlicher Menschen, die zumeist inkarnierte Oxymorons sind: Sie gelten als prominent - sind aber unbekannt. Die unbekannten Bekannten sind meist einerseits Produzenten des Mediums Fernsehen und andererseits Thema des Mediums: Das Fernsehen handelt im Wesentlichen von sich selbst. Und um schon an dieser Stelle des Versuches einer Neudefinition von Fernsehen eine Zusammenfassung zu wagen: Dumme unbekannte Bekannte berichten von sich selbst. Die Selbstbezüglichkeit des Fernsehens hat inzwischen einige Formate hervor gebracht, die die Zusammenfassung einer Zusammenfassung einer Sendung sind. Beispiele: "TV total ­Best Of" oder, das hieß wirklich so, "Best Of Best Of Formel Eins". Interessant sind auch Formate, die das Gegenteil dessen sind, was sie vorgeben zu sein. Beispiel: Der Fun ­Freitag auf SAT 1. Der Fun- Freitag auf SAT 1 dauert volle sechs Stunden und besteht ausschließlich aus nicht lustiger Comedy - hergestellt von unbekannten Bekannten. In diesem Sinne ist das Fernsehen ein wahre Oxymoronmaschine. Einen weiteren Widerspruch in sich kann man in Klatschsendungen bestaunen. Dort äußern sich zum Beispiel Menschen, die dafür berühmt sind, berühmt zu sein ­die also als bekannte Unbekannte den Sprung geschafft haben, bekannte unbekannte Bekannte zu sein. Und in den Klatschsendungen äußern sich diese bekannten unbekannten Bekannten, sie wollten von der Klatschpresse in Ruhe gelassen werden. Würde dies geschehen, wären sie nicht mehr bekannte unbekannte Bekannte sondern nur noch Unbekannte und würden dadurch die Notwendig- und Möglichkeit verlieren, sich in der Klatschpresse zu äußern. Demzufolge sind entsprechend geäußerte Forderungen im Moment ihrer Äußerung unerfüllbar. An diesem Gedankenkonstrukt kann man ablesen, daß das Fernsehen in dem Moment, wo es nicht mehr von sich selber handeln wollte, seine Notwendigkeit verliert. Man könnte auch sagen: Nur, wenn der Fernseher aus ist, handelt das Fernsehen nicht von sich selbst. siehe auch -> Paris Hilton DG

FIFA WM 2006 siehe -> WM 2006

FLOPPYDISK siehe -> Diskettenlaufwerk

FRÜHSTÜCKEN IN BERLIN Als wir am Sonntag früh frühstücken gehen wollten, wurde uns klar: Nie war es in Berlin beliebter, Sonntag früh frühstücken zu gehen. Im Café / Restaurant "Nola" ­ beliebt für sein sonntägliches Frühstücksbuffet ­ war kein Tisch mehr zu bekommen, als vier zu Viert in der Tür standen, lachte der Kellner uns regelrecht aus und gab uns zu verstehen, bei ihnen müsse man gut eine Woche im voraus bestellen, um Sonntags früh einen Frühstückstisch zu bekommen. Nach vier oder fünf weiteren mißglückten Versuchen landeten wir schließlich im Café "entweder oder" (nicht zu verwechseln mit dem "sowohl als auch", wo es auch beinahe unmöglich ist, Sonntag früh einen Tisch zu ergattern), und dort bekamen wir schließlich auch ein respektables Frühstück serviert. Aufgrund der vorher erlebten, extremen Nachfrage kam mir dann auf der Zugfahrt nach Hamburg der Gedanke einer Homepage zum Frühstücksmanagement in Berlin, zum Beispiel: www.frühstücken-in-berlin.de oder www.berliner-frühstück.de. Auf dieser Homepage könnte man ein bis zwei Wochen im voraus bestellte Tische weiter vermitteln und tauschen. Oder man könnte Überhangmandate in besonders beliebten Cafés an andere Frühstückswillige weiter vermitteln ­ im Stile einer Mitfrühstückszentrale: Wer zu dritt ins Nola will, bestellt einen Tisch für vier und kann dann noch einen Person mitfrühstücken lassen. Zudem tut da in Berlin noch ein ganz anderer Markt auf: Cafés, die ihren Gästen versprechen, daß dort nicht gefrühstückt wird. Denn ich hatte noch eine Verabredung am Sonntag in Berlin, und wir überlegten beide, wo wir uns in Ruhe besprechen könnten, ohne in den "Frühstücksterror" zu geraten. Dieser Frühstücksterror hält im Übrigen ja bis ca. 16 Uhr an, es gibt Cafés, in denen man durchaus bis 20 Uhr frühstücken kann, was dann auch oft ­besonders neckisch- gerne spätstücken oder schlicht brunchen genannt wird. In jedem Fall würde sich meines Erachtens ein Café, in dem man explizit nicht deswegen nicht frühstücken kann, weil man dort kein Tisch ergattern kann, sondern, weil man dort eben kein Frühstück anbietet, großer Beliebtheit erfreuen. Es wäre einen Versuch wert. Siehe auch -> Berlin, -> Berliner Hauptbahnhof DG

FUSSBALL WM 2006 siehe -> WM 2006

GEGENHEIT siehe -> Vergangenwart

GEL -> siehe Pad

GENRE-KARAOKE Genre-Karaoke liegt immer dann vor, wenn ein Popinterpret sich in einem ihm fremden Genre versucht, wenn zum Beispiel Robbie Williams eine Swing-Platte aufnimmt oder Nouvelle Vague Wave-Klassiker der 80er im Easy-Listening-Samba-Stil erschallen lassen. Schon an diesen beiden Beispielen kann man sehen, dass die Idee des Genre-Karaokes einerseits das Grundprinzip eines Interpreten oder einer Band sein kann, die also nur und auschliesslich das per se wesensfremde Genre bedienen, dass es aber ebenso ein einmaliger Ausflug eines Interpreten oder eine Band sein kann, die sich an dem entsprechenden Genre für ein Lied oder ein Album versuchen. Keinem Genre bleibt bei diesem Prinzip die Tür verstellt. So haben wir schon Gotthilf Fischer zu Technobeats dirigieren sehen, mussten, wenn wir es versuchten und aushielten, ertragen, wie sich Howard Carpendale an einem Gospel vergreift („Yes we can“), wir haben Metallica mit den Berliner Philharmonikern verachtet und gelangweilt mit der Wimper gezuckt, wenn die Berliner Feinripp-Combo „Boss Hoss“ Pophits das Countryrockhemd überstreiften, was diese Band als Prinzip so verinnerlicht hat, dass selbst die Eigenkompositionen so klingen. In subtilerer Form kann die Idee des Genre-Karaokes aber durchaus tolle Musik hervor bringen. So hat die Indierockband „Vampire Weekend“ ihre Popperlensongs teils mit Afrobeats unterfüttert, was diesen Dreiminütern ein Alleinstellungsmerkmal verleiht, der seines gleichen sucht, so assimiliert aber auch eine Popformation wie Pet Shop Boys bestimmte Popstile in den Klang, der für sie und ihre Musik steht. Ein Sänger wie Robbie Williams gar, der nicht nur besagtes Swing-Album aufnahm, versucht sich auf seiner letzten Platte auch an verschiedenen Spielarten des Pop, die SPEX schrieb: „12 Song, 12 Stile!“. Bei solchen Beispielen ist man ganz schnell bei der Erkenntnis angelangt, dass die ganze Popmusik ein Genre des Karaokes ist - und nicht umgekehrt. DG

GESCHLOSSENHEIT Aufrufe zur Geschlossenheit sind auf Parteitagen inzwischen so sicher wie das Amen in der Kirche, und die Formulierung geht mir auf die Nerven. Da habe ich mir nun gedacht, ob man diese Formel vielleicht dadurch ins Abseits drängen kann, indem man sie selber permanent verwendet. Insbesondere die Werbung höhlt ja auch Worte aus, in dem sie sie für ihre Werbezwecke mißbraucht. Plötzlich heißt es zum Beispiel "Revolution im Autobau", welche es schlechterdings nicht gibt, und gestern sah ich den Kalender "Mythos Formel Eins 2005". Inflationärer Gebrauch schöner Worte ist ein Unding, und man muß das einfach selber so machen mit Begriffen, die man seinerseits nicht mag. Ergo: Ich rufe den Popticker hiermit zur Geschlossenheit auf. Und ich werde das jetzt einfach jeden Tag tun, so daß es dann immer auch berichtet werden kann: "Hamburg. Der Popticker hat seine Leserschaft gestern zu Ende eines neuen Textes zur Geschlossenheit aufgerufen." Dieses Mittel ist derartig praktisch, daß man gleich noch andere Worte mitinflationieren sollte, um sie loszuwerden. Ertragswinkel ist so eins. Ich sollte also meinen Ertragswinkel zur Geschlossenheit aufrufen. Die Nachricht in der Tagesschau wäre dann diese: "Hamburg. Der Popdienstleister popticker.de hat gestern seinen Ertragswinkel zur Geschlossenheit aufgerufen." Jenny von ums Eck, die soll auch weg, und mir fallen gleich noch ein paar andere Sachen ein, so: "Hamburg. Der Popdienstleister popticker.de hat in seiner Opposition zu Jenny von ums Eck Lopez und Dieter Bohlen gestern erneut zur Geschlossenheit seines Ertragswinkels aufgerufen. Der Popticker betonte, Qualitätspop sei die Summe aus Leistung und Leidenschaft. Weder Jenny von ums Eck noch Bohlen hätten Leistung oder Leidenschaft, folglich stehe es um deren Ertragswinkel dramatisch." Qulitätspop, das Wort gefällt mir übrigens immer besser. Die Befürworter einer Radioquote für deutschen Pop möchten ja "statt des ständigen Gedudels endlich wieder Qualität" hören, wie es auf deren Homepage heißt. Was um alles in der Welt soll Qualität im Pop denn sein? Ich würde natürlich auch gerne einen Radiosender haben, der eher die Musik spielt, die ich gerne mag. Das hat aber doch nichts mit Sprache zu tun. Selbst wenn man findet, daß Qualität ein Merkmal von Pop sein kann, kann man doch nicht allen Ernstes glauben, daß man automatisch bessere Musik im Radio hören wird, wenn man zu 40 % deutsche spielt. Vermutlich eher im Gegenteil. Aber egal, da habe ich mich schon viel zu oft drüber aufgeregt. Obgleich es heute natürlich auch zu dem Thema der Geschlossenheitsaufrufe passt, denn gestern hat ja auch noch Stoiber gesprochen und die komischen Forderungen nach einer deutschen Leitkultur wiederholt. Stoiber sagte: "Patriotismus gibt unsrem Land inneren Halt. Patriotismus macht unser Land krisenfest." Dies klingt ein wenig nach einem Arzneimittelvertreter, und somit könnte sich Stoiber auch mit den Menschen verbünden, die im Radio 40% deutsche Musik hören wollen. Man könnte die Forderungen gar koppeln, und ­ auch um dem linken Flügel des Landes nicht zu viel Angriffsfläche zu bieten ­ nur 40% Patriotismus fordern: "40% Patriotismus macht unser Land krisenfest!". Wäre beide Aufforderungen von Erfolg gekrönt, bekämen wir ein Land, dessen Bürger zu 40% stolz sind, Deutsche zu sein, die gleichzeitig genau diesen 40%igen Patriotismus im Radio bedient bekämen. Dann hätte man augeglichenere Bürger mit Qualitätspop. DG

GEWESENEN, DIE Wenn man sich den Text über die Wiedervereinigung der No Angels (siehe -> no angels, Comeback) ansieht, so fällt die nicht ganz zufällige Inflation des Präfix "Ex" auf ­ ganz unabhängig davon, daß es hier um vier Mädchen ging, die den Status, etwas gewesen zu sein, zu überwinden trachten, indem sie wieder werden, was sie waren, ist es schon auffällig, daß die Medien zunehmend von Menschen berichten, weil sie etwas gewesen sind - nicht weil sie etwas sind. Das Gewesene kann hierbei interessanter Weise unabhängig davon, wie lange es zurück liegt, konserviert werden, da die schlichte Tatsache, öffentlich zu sein, genügt, um den Ursprung der Öffentlichkeit entweder präsent zu halten ­ ganz gleich, ob dieser Ursprung allgemein bekannt ist oder nicht. Das liegt nun wiederum daran, daß heutige öffentliche Auftritte keinerlei Präsenz erfordern ­ es genügt, gemäß den Spielregeln und Gepflogenheiten der jeweiligen Fernsehsendung oder des jeweiligen roten Teppiches ein Standardrepertoire von sich selbst in die Kamera zu senden, um die wesentliche Botschaft zu generieren: Ich war da. Der Empfänger der Botschaft kann dann also sagen: Der, der mal das und das war, war auf dem und dem roten Teppich zugegen. Beispiel Thomas M. Stein: Er war einmal DER Popmanager Deutschlands (Leiter der nationalen Sparte von BMG) heute sitzt er allwöchentlich in irgendwelchen Chartshows, in denen er in entsprechenden retrospektiven Floskeln bezeugt, bei Veröffentlichung von "Smoke on the water" gerade einmal 22 gewesen zu sein. Menschen, die nicht wissen, daß er einmal Manager war, akzeptieren ihn als jemanden, der, weil er offenbar mal irgendwas war, nun auf Couches sitzt und öffentlich genug ist, um zu erzählen, daß er auch einmal 22 war, als er zum ersten Mal "Smoke on the water" hörte. Das Dilemma an der Geschichte mit den No Angels ist nun, daß es Sandy, Lucy, Nadja und Jessica nicht gelingen kann, den Status, einmal ein No Angel gewesen zu sein, dadurch zu überwinden, wieder die No Angels zu sein, denn, was immer sie tun und lassen werden, sie werden in der Öffentlichkeit die No Angels sein, die einmal die No Angels gewesen sind, und eines Tages werden sie Personen sein, die zwei Mal die No Angels waren. So ist es derzeit auch mit Take That, die die Take That sind, die einmal Take That waren. Einzig Robbie Williams ist es gelungen, mehr als ein Ex-Take-That-Mitglied zu sein, und bezeichnender Weise ist er auch der Einzige, der bei der Reunion der Boyband nicht dabei ist. Der Wahn der Öffentlichkeit, sich für Personen zu interessieren, weil sie etwas waren, und nicht, weil sie etwas sind, führt kurioser Weise auch dazu, daß Leute, die ihre Idole sehen wollen, sie nicht sehen wollen, um sie zu sehen, sondern um sie gesehen zu haben ­ so wie ich es wie weiter unten beschrieben erlebt habe, daß Fans von Tokio Hotel, die ihre Idole am Flughafen abfingen, erst hysterisch wurden, als Tokio Hotel schon in Taxis entschwunden waren und die Mädchen sich gegenseitig ihre Handyfotos zeigten. Hier wird sozusagen die eigene unöffentliche Person in den Status des Gewesenen überführt: Man war zu dem Zeitpunkt, als Tokio Hotel da waren, quasi nicht am Flughafen, wird es aber im Nachhinein zumindest gewesen sein. Und Tokio Hotel haben ihren Reiz vor allem auch darin, bis vor kurzem noch völlig unbekannt gewesen zu sein. Und sie werden so lange plötzlich berühmt bleiben, bis sie eines Tages Tokio Hotel gewesen sein werden. DG

GOLF Gestern standen vor unserer Haustür der VW Golf Bon Jovi und der VW Golf Rolling Stones. Das hat mich ­aus naheliegenden Gründen- daran erinnert, daß Volkswagen vor geschätzten 11 Jahren dieses Crosspromoting versucht hat: Sondereditionen seines Verkaufsschlagers Golf mit dem Namen von Rockbands. (Wenn mich nicht alles täuscht gab es auch Kooperationen mit "Pink Floyd" und "Genesis".) Man erhoffte sich einen Imagegewinn für den Golf, und die Rockbands erhofften sich einen Geldgewinn für ihre Konten ­ es war woh nicht umgekehrt. Diese Strategie mutet insbesondere im Falle der Rolling Stones ein wenig bizarr an, während man im Falle von Bon Jovi zumindest eine soziologische Parallele von deren Fans zum Golf für sichtbar halten könnte ­ etwa in dem Sinne eines Triumphes des Mittelstandes, durch den Florian Illies unsere Generation einst Generation Golf nannte, im Bezug zum Mittelstandsrock von Bon Jovi. Als deren Golfedition erschien, erschien zeitgleich die Platte "keep the faith", auf der das Titelstück das in meinen Augen einzig erträgliche Lied war, das Bon Jovi jemals zustande gebracht haben. Damals hatte die Person Bon Jovi auch noch nicht in Ally Mac Beal mitgespielt oder Wahlkampf für George Bush gemacht. (Eine Randerkenntnis dieses Textes: Bon Jovi dürfte mithin die einzige Person auf der Welt sein, die sowohl Bush als auch den Golf bewarb.) Die Rolling Stones aber haben mitnichten einen Habitus, den man in irgendeinem Sinne mit dem Golf in Bezug bringen kann. Aber sei’s drum: Die beiden Golfeditionen waren ein großer Erfolg, und man muß sich die Frage stellen, warum sich das Konzept der Synergie Popstar/Auto nicht durch gesetzt hat. Wie wäre es zum Beispiel mit einem "Opel Tigra Xavier Naidoo"? ("Wir haben verstanden", wenn der überhaupt von Opel ist, wäre so ein Spruch, der auch sehr gut zu Naidoo passen würde. Dieser könnte im Gegenzug seine Single statt "Bist Du am Leben interessiert?" auch "Bist Du am Fahren interessiert?" nennen. Oh mein Gott, wie ich dieses Lied hasse!) Meine nächsten Vorschläge wären der "BMW Z3 Yvonne Catterfeld" (aus Freude am Fahren) und der "Ford Focus Falco" ­ auch wenn der schon tot ist. Auch im oberen Preissegment gäbe es einiges an denkbaren Sondermodellen ­ etwa den "Mercedes E-Klasse Eminem" oder den "Porsche Papst", denn der Papst ist ja im Grunde auch ein Popstar. Eminem könnte es allerdings, sollte der mit Deal Daimler/Chrysler scheitern es auch mal mit den Minis versuchen. Daraus ergäbe sich der "Mininem". Die Boygroup "Us 5" steht derzeit mit den Herstellern des "Smart" in Verhandlungen, um deren Viersitzer zur Sonderedition "Smart 4 four Us 5" aufzuwerten. Bereits in feuchten Tüchern ist eine Kooperation zwischen Nissan und Jeanette: "Er kann, sie kann, Biedermann". Sie hat diesen Deal Wolf Biermann vor der Nase weggeschnappt. "Er kann, sie kann, Biermann" wäre rein silbenmäßig besser, imagemäßig aber schlechter rüber gekommen. DG

Ergänzung (1) der Golf "Pink Floyd" wurde mitte/ende der 90er definitiv produziert, denn ich erinnere mich an ein interview das david gilmour seinerzeit dem spiegel gab und in dem er vehement bestritt, im establishment angekommen zu sein. das kam dem spiegel-reporter (wie auch mir) reichlich absurd vor, angesichts der tatsache, dass das gespräch in gilmours londoner herrenclub stattfand, wo man für ein glas vulkansteingefiltertes wasser ohne sprudel so um die 20 pfund bezahlte. Aber dieser umstand brachte gilmour ebenso wenig aus der fassung wie die anmwerkung, es sei doch ein ziemlich weiter weg vom langhaarig-barfüßigen bohéme-rocker, der die psychadelische alternative zur mainstream-gesellschaft lebte, zum offensichtlich geldgeilen volkswagen-werbeträger. Diese betrachtung nämlich sei völlig falsch und verkenne, dass die kooperation mit dem wolfsburger konzern nur eine variation des im kern immergleichen engagements für das gute an sich und eine bessere welt schlechthin sei: pink floyd habe sich nämlich vertraglich zusichern lassen, dass die mit dem bandnamen gelabelten autos ausschließlich mit schadstoffarmen motoren bestückt würden. Soviel also zur frage des gegenseitig gewinnbringenden image-austausches und dabei nicht in trübsten popkulturpessimismus zu verfallen ist wohl schwer möglich - trau keinem über 30(-mark-pro-glas-wasser-trinker). DAG

GRÖNEMEYER, HERBERT siehe -> WM-Song 2006

HALLE BERRY siehe -> einstweilige Verfügung

HAU RUCK ZUCK Ist ein Spiel zwischen zwei Spielern, bei dem beide Spieler nur jeweils eine Hand brauchen, um es zu spielen. Unter dem gemeinsamen Ausruf der Worte "Hau Ruck Zuck" werden beide Hände drei Mal (nämlich auf Hau, auf Ruck und auf Zuck) in die Nähe voneinander geführt, beim Dritten Mal öffnet man die Hand und stellt mit ihr wahlweise eine Schere, einen Stein oder ein Papier dar. (Überholt ist die Spielweise, bei der auch Feuer, Regen und Brunnen geformt werden dürfen). Nun schlägt Schere Papier, Papier Stein und Stein schlägt Schere, der Sieger erhält einen Punkt, bei Doppelschere, Doppelpapier und Doppelstein erhält keiner einen Punkt. Im Allgemeinen wird Hau Ruck Zuck bis drei gespielt, wobei man zwei Punkte in Front liegen muß, um den Gesamtsieg an sich zu reissen. Das Hau Ruck Zuck ­ eigentlich ein Kinderspiel oder ein Gebrauchsspiel zum Entscheiden zweier konträrer Ansichten ­ erlebte in -> Berlin im Jahre 2002 einen ungeahnten Boom vor allem im Szenecafé - > schwarz/sauer, das im Zuge dessen auch Hauruckzuckodrom, bzw Schnickchnackodrom genannt wurde. Größer Anzahlen von Menschen gaben sich vor allem nachts dem Hau Ruck Zuck hin und trugen Meisterschaften aus. Als Weltmeister amtiert derzeit David Gieselmann. DG

HEIDI KLUM siehe -> Klummug, -> natürlich erfolgreich und -> WM 2006 / Auslosung der Vorgruppen

HERBERT GRÖNEMEYER siehe -> WM 2006 / WM-Song

HERZIGOVA, EVA siehe -> Wonderbra

HILTON, PARIS siehe -> Paris Hilton

IMPULSVERKÄUFER Neulich schickte mir Maren aus dem ICE eine SMS, in der stand, daß der Verkäufer, der mit einem kleinen Rollwagen durch den Zug läuft und Snacks und Getränke verkauft, nunmehr "Impulsverkäufer" genannt wird. Konkret hört sich das dann so an: "In Göttingen ist unser Impulsverkäufer zugestiegen." Da fragt man sich natürlich, erstens: Was ist ein Impulsverkäufer? Und zweitens: Warum steigt er in Göttingen zu? In der heutigen Warenwelt, die sich zunehmend dem Verkauf von Abstraktem widmet, ist nicht völlig ausgeschlossen, daß ein Impulsverkäufer Impulse verkauft. Doch verkauft ein Impulsverkäufer vielmehr Snickers, Kaffee und Cola. Mit Impuls ist die Entscheidungsfindung, etwas zu kaufen, seitens des Käufers gemeint: Das Gegenteil des Impulskaufes ist der geplante Kauf. Im Falle des Zugfahrens: Der Kauf im Speisewagen oder Bordbistro. Impulsverkäufer ist also, wer mit einem Wagen durch den Zug laufend bei Fahrgästen den spontanen Impuls auslöst, etwas zu kaufen. Die Bahn benutzt einen Fachbegriff aus der Wirtschaftswelt, der, indem er die strategische Überlegung seitens der Bahn, Fahrgäste zu Spontankäufen anzuregen, bloß legt, einen in diesem Sinne unillusorischen Charakter hat. Die neue Sprachregelung steht also in einer Linie mit dem architektonischen Ansatz des neuen Bahnhofhighlights "Berliner Hauptbahnhof / Lehrter Bahnhof", der kommende Woche eröffnet wird: Transparenz. So wie durch Glasfassaden die urbanen Abläufe innerhalb des neuen europäischen Verkehrsknotenpunktes sichtbar gemacht werden, läßt sich die Bahn nun eben auch in die Karten ihrer Semantik blicken. Das ist insofern konsequent, als daß der neue Bahnhof ja wie alle neuen Bahnhöfe auch ein Einkaufszentrum ist, der in seiner architektonischen Ordnung sicher auch den ein oder anderen Impulskauf fördern soll. DG Siehe auch -> Berlin

INTEGRATIONSDRUCK Edmund Stoibers neue Wortschöpfung: Integrationsdruck. Wer sich nicht integrieren will, für den muß sich der Integrationsdruck erhöhen. Das ist eine klasse Sache, und Stoiber könnte den erwünschten Effekt eigentlich mal bei seiner Frau im Urlaub ausprobieren: Wenn die sich partout nicht entspannt, wird der Erholungsdruck erhöht. Die Forderung nach dem Beherrschen der deutschen Sprache wird mit einem Wort zusammen gefasst, das einen Widerspruch in sich darstellt. Mit der Behauptung eines Integrationsdruckes wird also sogleich die Komplexität der deutschen Sprache betont ­ Herr Stoiber: Ab zum Sprachtest. Nun will sich der Popticker ja eigentlich nie in diesem Sinne politisch äußern, und, um mir den Stoiber-Absatz leisten zu können, müßte ich nun also geschwind einen Umweg über Pop machen, und ich weiß auch schon, wie der aussehen könnte: Popmusik könnte den Integrationsdruck senken ­ Deutsch lernen mit Xavier Naidoo. Denn Xavier Naidoo kann nicht nur sehr gut deutsch, er hat ja auch einen derart religiösen und gutmenschlichen missionarischem Eifer, daß er sich gleichsam im doppelten Sinne als Integrationsmodell eignet. Im gewissen Sinne ist er die integrative deutsche Leitkultur in Person, und man könnte sich alle Sprachtests und Fragen über deutsche Geschichte und Geografie sparen und statt dessen den Integrationswillen einfach dadurch testen, daß man den angeblich Integrationswilligen den Text von Naidoos derzeitigen Hit "Bist Du am Leben interessiert" referieren und interpretieren läßt. Zu diesem Zwecke könnte man das Lied auch kurz umbenennen und den Titel um ein "hier" ergänzen: "Bist am Leben hier interessiert?" ­ der Text jedenfalls enthält ganz tolle Zeilen, die auch den Erholungsdruck von Herrn und Frau Stoiber erhöhen würde. Im Refrain beispielsweise heißt es da: "Kannst du die alten Lieder sehen, die tief in deiner Seele liegen / bist du am Leben interessiert? / Hast du dieses Wunder schon kapiert? / Kannst du die alten Lieder sehen, die tief in deiner Seele liegen / Lasst uns diese Lieder rausbringen! / Das ganze Volk soll sie singen" ­ wer das singen und interpretieren müßte, für den erhöht sich sogleich der Integrationsdruck. Sehr integrativ auch die folgenden Zeilen: "auch du bist ein Mensch aus Fleisch und Blut / aber auch wie das Küken aus der frischen Brut, spürt er wie der Krieg uns nicht gut tut / eine ganze Generation schöpft Mut, die ganze Generation einer Nation / setzt sich den Frieden wie auf einen Thron, die ihr den Krieg liebt, was wisst ihr schon?" - hier zeigt sich auch, daß man innerhalb eines Sinnzusammenhangs im Deutschen einfach von der ersten zur zweiten Person Singular wechseln darf. Keine Frage: Wenn Angela Merkel demnächst zum Integrationsgipfel lädt, dann muß Naidoo auf’s Podium, dann würde eine ganze Generation Mut schöpfen, die ganze Generation einer Nation. Siehe auch -> Xavier Naidoo DG

I POD Der i Pod ist das erste Gerät des neuen Jahrhunderts, das nicht in Wirklichkeit aus den 90ern oder gar den 80ern stammt. Zum Halbwissen unserer Zeit gehört mit Sicherheit die Tatsache, daß auf den i pod 10 000 Songs passen, wobei demnächst wahrscheinlich i pods auf den Mark kommen werden, auf die dann 40 000 später 100 000 Songs passen. Auch bei den heutigen Geräten ist allerdings kaum denkbar, daß irgendjemand wirklich 10 000 Songs darauf geladen hat, geschweige denn daß er sie adäquat durch -> playlisten organisieren kann. Siehe auch -> MAC und -> urbane Prothese DG

JULIETTE SCHOPPMANN siehe -> einstweilige Verfügung

KAFFEEPAD Ein Kaffepad ist modulartig portionsweise verpackter Kaffee, den man, so wie er ist, in eine Kaffeemaschine steckt. Diese Maschinen funktionieren nur mit den entsprechenden Pads, und die Pads passen auch nur in die entsprechenden Maschinen. Eine herstellerübergreifende Standardisierung ist bislang nicht gelungen, im Gegenteil: Firmen ziehen vor Gericht, wenn die Pads für die eigenen Geräte von einer anderen Firma hergestellt werden. Der durchschnittliche Preis pro Tasse Kaffee ist bei jeglichen Kaffeepads deutlich höher als bei herkömmlichen Verfahren zur Kaffeeherstellung (Cafétierra, Maschinenkaffee), und um so verblüffender ist der Erfolg der Kaffeepads. Die Gründe für den Boom der Aufputschmodule sind nicht wirtschaftlicher, sondern vielmehr soziologischer Natur: Nach dem eine urbane Lebenshaltung zum Alltag geworden ist und sich der urbane Raum in den privaten verlängert hat, siehe auch -> urbane Prothesen, war der Erfolg des Kaffees zum Mitnehmen nicht überraschend. Die Folge war aber, daß einem jegliche herkömmliche Methode zur Herstellung des Kaffees anachronistisch da unurban vorkam. Mittlerweile gibt es Menschen, die sich auch morgens ihren Kaffee in einem Stehkaffee kaufen, um dann noch einmal nach hause zu gehen. Um diesem Dilemma Abhilfe zu schaffen, entwickelte man die Kaffeepads und die dazugehörigen Maschinen. Sie geben dem Kaffeekocher das Gefühl, an einem Gerät zu hantieren, das potentiell für den Massenbetrieb fähig wäre, und sie sind in diesem Sinne zeitgemäß da urban. Kannte man bislang vornehmlich -> urbane Prothesen, die den Menschen unterwegs unterstützen, so sind die Kaffeepadmaschinen die erste immobile urbane Prothese. siehe auch -> Latte Macchiato DG

KAMPFOHRWURM Der Kampfohrwurm zeichnet ist neben seiner Hauptexistenz "Lied" auch durch eine strategische Kampagne aus, sich in die Hirne von Hörer zu hämmern, bis diese entnervt aufgeben und das Lied kaufen ­ so sie es nicht aufgrund dessen, daß das Lied ihnen tatsächlich gefallen hat, schon vorher taten (Selten gefallen Kampfohrwürmer allerdings). Teil dieser strategischen Kampagne ist die audiovisuelle Präsenz des Liedes in Radio- und Klingeltonsendern. Musikalisch muß der Kampfohrwurm neben durchgängiger Einprägsamkeit eine besonders banale Melodie enthalten, deren Text bestenfalls lediglich "lalalala" lautet (z.B.: "Can’t get you out of my head" von Kylie Minogue oder "sweat (alalalalong)" von Inner Circle. Grundsätzlich gilt für den Kampfohrwurm: Je dreister und dümmer, desto besser. DG

KASSETTE Sowohl der Audio- Kassette als auch der Videokassette wird schon lange der baldige Tod voraus gesagt. Die Kassette war für mich auf jeden Fall lange Zeit der wichtigste Tonträger. Als ich begann, mich für Musik zu interessieren, tat ich das, was wahrscheinlich die meisten angehenden Musikhörer tun: Sich vor ein Radio setzen und mit einem Kassettenrecorder mit Mikro auf Lieder warten, die man mag. Die erste technische Revolution war für mich dann etwas, das ein Freund der Familie und ich fortan auch ein Überspielkabel nannte: Nun konnte ich Lieder aufnehmen, ohne daß der Rest der Familie die Klappe halten mußte. Der nächste Schritt waren dann Aufnahmen von Platten, die ein Freund hatte und selber zusammen gestellte Mixtapes, die man ja auch heute noch gerne macht. (Sie haben in jedem Falle mehr inneren Wert als gebrannte CDs, wie gut diese auch gemixt sein mögen.) Mitte der 80er kam dann das Statussymbol dieser Zeit schlechthin auf den Markt: der Walkman. Mein erster war aus weißem Plastik und würde heute wahrscheinlich maximal 5 Euro kosten. Auf einer Klassenfahrt in Gersfeld fror das Gerät bei einem Schneespaziergang ein, funktionierte aber verblüffender Weise später wieder, als ich ihn aufgetaut hatte. Dann schaffte ich mir einen Walkman von AIWA an, der kleiner war als eine Kassette: Wenn man eine einschob, zog er sich wie eine Streichholzschachtel in der Breite auseinander. Dieses Gerät war mein ganzer stolz, und so war es für mich Ehrensache, mich vor einigen Wochen wieder für einen Walkman dieser Firma zu entscheiden. Denn in meinem Leben als Musikhörer erlebt die Kassette derzeit wieder eine Renaissance. Aus dem einfachem Grund, weil ich nach wie vor Platten höre, die ich unterwegs nicht hören kann wie eine CD. Um Schallplatten auf CD zu brennen bräuchte ich einen analog- digital- Wandler, und da war der Walkman günstiger und praktischer. Siehe -> Diskettenlaufwerk DG

KLINGELTON Der Klingelton ist das überraschendste Produkt in der Geschichte abstrakter Produkte: Noch vor wenigen Jahren hätte niemand für möglich gehalten, daß man einen Klingelton verkaufen kann. Heute geben meist junge Menschen mehrere Milliarden im Jahr aus, um Klingeltöne zu erwerben. Durch das Maß an Unerwartbarkeit dieser Tatsache hält man den Erfolg des Klingeltons für signifikant, und im Zuge dessen gelten einige poptheoretische Grundannahmen als etabliert. Im Zentrum dieser Grundannahmen steht die Vermutung, daß mit dem Boom der Werbung für Klingeltöne die Werbung für eigentliche Musik in den Musiksendern zurück gedrängt wurde, woraus sich die These ableitete, daß das Ende des Musikfernsehens erreicht sei. Diese These erhielt neuerliches Futter, als man begann, nicht mehr nur Poplieder in Klingeltonmelodien zu übertragen, sondern umgekehrt Cartoon-Protagonisten für Klingeltöne erfand, um originäre Melodien verkaufen zu können. Diese Protagonisten brachten es teils zu höchst kuriosem Ruhm - wie zum Beispiel der "bekloppte Frosch", "Tweety, das kleine Küken" oder "die entnervten Weihnachtstassen", und die Klingeltöne dieser Protagonisten wurden wiederum zu tatsächlichen Popliedern und landeten mit diesen Langversionen der Melodien in den Singlecharts. Um zu suggerieren, bestimmte Prominente begründeten ihre Karrieren auf ähnlich virtuellen Fertigkeiten wie entnervte Tassen oder bekloppte Frösche entwickelte sich die Aussage, entsprechender Prominenter oder entsprechende Prominente sei ein Fleisch gewordener Klingelton. Opfer dieser Schmähung wird meist Paris Hilton: Kein lebender Mensch mußte sich so oft anhören, sie sei ein lebender Klingelton wie die Hotelerbin. Möglicherweise ist der Klingeltonvergleich als Schmähung in seinem Humor ähnlich signifikant für unsere Zeit wie zum Bleistift in den 80er Jahren. In jedem Falle gibt es auf zweiter Ebene eine tatsächliche Parallele zwischen Paris Hilton und einem Klingelton. Beide thematisieren mit ihrem Dasein eine Form der Sekundärindividuation: Wenn ich nicht mich nicht selber finde, individualisiere ich zumindest meine urbanen Prothesen. Während aber Paris Hilton Subjekt dieses Effektes ist, ist der Klingelton Objekt dieses Affektes. Und hierin manifestiert sich sogleich sein innerer Widerspruch: Um so größer sein Erfolg, um so weniger stellt sein Besitz eine herausragende, individualisierende Rolle. Siehe auch -> Paris Hilton und -> urbane Prothese DG

KLUM, HEIDI siehe -> Klummug und -> WM 2006 / Auslosung der Vorgruppen

KLUMMUG In einem Interview hat Heidi Klum kürzlich ihr Leid geklagt, sie sei zum Produkt geworden. Ja die arme, arme Heidi! Der Popticker sagt dazu: Wer Model ist, muß halt damit leben, Produkt zu sein ­ beispielsweise eine Tasse. Auf ebay kann man nämlich eine Tasse kaufen, auf der das Konterfei von Heidi Klum drauf ist. Eine Heidi- Tasse oder, wie der Amerikaner sie nennt: eine Klummug. Bezüglich der Tasse könnte Heidi also klagen: "I’ve become a product, for exemple: a Klummug." Klummug, dieses Wort ist toll. Es stammt natürlich aus dem amerikanischen, ich weiß, aber wenn man das dann wiederum deutsch ausspricht, dann klingt es irgendwie wie Humbug. Macht das mal, sprecht das mal laut auf deutsch aus: Klummug. Klummug. Und noch mal: Klummug. Eine Klummug ist mit dem Foto von Heidi bedruckt worden, und wenn Heidi sich schon beschwert, sie sei zum Produkt geworden, dann frage ich mal die Heidi, was denn da die Tasse sagen soll. Erst war sie eine friedliche Tasse, nun ist sie eine Klummug. Und Heidi lebt ja aus freien Stücken ihr Leben als Model, währenddem die Tasse niemand gefragt hat, ob sie ein Foto von Heidi auf sich haben will. Man könnte fast das alte Lied vom Karl dem Käfer umdichten, so in etwa: "Mug die Tasse wurde nicht gefragt, man hatte sie einfach geklummugged." Oder man singt das Lied auf Heidi, deren Welt die Berge sind, so: "Heidi! Heidi! Deine Fresse ist auf der Tasse! Heidi! Heidi! Denn auf der Tasse bist du jetzt drauf!" Da könnte man den Popticker aber auch mal fragen: Wer braucht solch bescheuerten Lieder? Siehe auch -> WM 2006 Auslosung der Vorgruppen DG

KOLLABORATIONEN siehe -> featuring

KONSEQUENZAUTHENTIZITÄT Lady gaga und das Prinzip der Popkunstfigur

Wie man sich mit der Silbe Gaga ins Radio spielt und im selben Atemzug das Radio als gaga bezeichnet, das haben Queen gezeigt: All we hear is radio gaga, radio gugu. Nun hat sich eine junge Sängerin nach dem Lied benannt, sie nennt sich nicht etwa Radio gaga sondern: Lady Gaga. Das verblüfft erst einmal und legt die Vermutung nahe, dass dies Lady gaga es nicht so ganz ernst meinen kann. Wenn man dann aber in Musik und Videos der Gagadame nach einem ironischen Bruch sucht, wird man eher nicht fündig. Im Gegenteil: Der brachiale Dancepop will mit allen Mitteln der Produzentenkunst modern klingen, die Videos sollen mit allen Mitteln der Entkleidung sexy wirken, und die Lady will mit allen Mittel der Popfassaden artifiziell erscheinen. Heraus kommt ein hochgradig künstliches Wesen, das mehr durch Photoshop und Plastik gemacht zu sein scheint als durch Fleisch und Blut. Da wirkt selbst Schnappi das kleine Krokodil menschlicher. Und diese gänzlich unauthentische Erscheinungsfigur macht diese Lady gaga in einer Popzeit bemerkenswert, in der die Popmusik von einem Authentizitätswahn überwuchert ist.

Lady gaga sitzt also auch auf den Couches in den Ruinen des Musikfernsehens und wirkt wie aus einem Comic gesprungen. Sie erklärt ihr Outfit für alltäglich und tut dies in einer derartigen Arroganz, dass alle, die es nicht für alltäglich halten, sich für spiessig befinden müssten. Andererseits lässt sich mit einem blossen Clicka auf Wikipedia und einer Fotosuche auf Google heraus finden, das Lady gaga mit bürgerlichem Namen Stefani Joanne Angelina Germanotta und bis vor kurzem Sonwriterin für unter anderem die Pussycat Dolls war. Daraus wiederum folgt, dass der Popcyborg Lady gaga als reine Kunstfigur angelegt ist und stellt deren Unalltäglichkeit in zweiter Instanz doch wieder in ein ironisches Licht: Wer erfunden ist, kann selbst im Zustand grösstmöglicher Künstlichkeit noch authentisch im Bezug auf seine unrealisierte Erfindung sein. Dies wäre bezogne auf die Erfindung im gewissen Sinne eine Form von Konsequenzauthentizität. Damit dieses Konstrukt dann aber auch noch charmant wirken könnte, dafür müsste die Musik gut sein. Und das ist die von Lady gaga leider nicht. Ihre Musik ist schlecht und nicht gaga genug. DG

KRAFTWERK Es muß so 1986 gewesen sein, da traf ich in Darmstadt in der Innenstadt einen Bekannten von den Pfadfindern, um ehrlich zu sein, weiß ich nicht mehr, wie er hieß, nennen wir ihn der Einfachheit halber hier einmal Oliver. Oliver hatte sich gerade die Maxisingle von "musique nonstop" von Kraftwerk gekauft, und das wunderte mich, denn bislang hielt ich damals am Computer erzeugte Musik für Unsinn, aber Oliver mochte ich, und ich fing an, mich mit der Idee zu beschäftigen, ob das nicht auch gut sein kann. Da meine musikalischen Interessen nicht dazu taugten, gegen meine Eltern zu rebellieren, (wozu eigentlich fast nichts taugte), rebellierte ich oft gegen mich selbst und meinen eigenen Musikgeschmack, was dazu führte, daß ich per Beschluss auf einmal Sachen gut finden konnte. Ich ging also im Entschluss, Kraftwerk sein eine prima Band, in "Uli’s Musicland" und kaufte mir ebenfalls "musique nonstop". Dies war ein Lied oder ein Stück, das mit den Lauten "Boing Ping Bumm Tschack" begann, und ich glaube, meine Eltern waren denn doch hin und wieder verblüfft, was ich da wohl hörte. Zweifelsohne gehören Kraftwerk, die ich im Alter von 14 per einstweiliger Selbstverfügung gut fand, zum popkulturellen, deutschen Export par excellence. Wenn man Menschen zum Beispiel in Amerika fragt, was sie denn aus Deutschland kennen, antworten sie meist Kraftwerk, Rammstein und Claudia Schiffer. Bezeichnenderweise war der größte Hit von Kraftwerk ein Lied über den Beruf von Claudia Schiffer -"das Model"-, (auch wenn in seinem Entstehungsjahr Claudia Schiffer wohl noch nicht mal geboren war), aber wenn dieses Lied, das sehr poppig klang, in der "Krone" lief, identifizierte ich es um ehrlich zu sein nicht mit dem "Boing Ping Bumm Tschack" von zu hause. Kraftwerk geriet aus meinem Blickfeld, die einstweilige Verfügung war aufgelöst, und es dauerte weitere 14 Jahre, bis ich wieder Kraftwerk hörte ­und zwar durch Christoph, der großer Fan von Kraftwerk war und ist. Es setzte derselbe Effekt wie durch Oliver ein: Ich beschloss erneut, Kraftwerk gut zu finden, und diesmal hielt die einstweilige Verfügung länger, denn Oliver kannte ich nur durch die Pfadfinder, während Christoph ein guter Freund ist. So habe ich mir ein paar CDs von Kraftwerk gekauft. (Und nun kommt das Tollste: Wir haben mit Kraftwerk dann sogar ein Hörspiel gemacht. Aber da ich beschlossen habe, mein literarisches Schaffen, im Popticker auszuklammern, erwähne ich das nur nebenbei, so kurz gefasst klingt es auch irgendwie am Eindrucksvollsten.) 2000 gab es einen Skandal rund um Kraftwerk, die auf Geheiß von Tom Stromberg eine Melodie für die Telefonwarteschleife der Expo 2000 in Hannover komponierten und programmierten und dafür 500 000 Euro bekamen. Man hielt das für unnützen Verbrauch von Steuergeldern, denn die Melodie, die man zu hören bekam, wenn man wartete, war ein Loop eines 8- sekündigen Takes. Es führte allerdings dazu, daß weltweit Fans von Kraftwerk bei der Expo anriefen, um die Warteschleife zu hören, denn die war nach zehn Jahren das erste neue Stück, was es von Kraftwerk zu hören gab. Kurze Zeit später erschien die Wartemelodie dann unter dem Namen "Expo 2000 ­Mensch, Natur, Technik" auf CD und enttäuschte die Fans. Letztes Jahr dann traten Kraftwerk auf einmal auf den MTV- Awards auf, hatten eine neue Langspielplatte im Gepäck und tauchten das gesamte Auditorium in ein nostalgisches Computergrün. Das Ganze wirkte höchst bizarr, denn es hatte einerseits einen sehr schönen und fast schon kauzig- romantischen ästhetischen Anachronismus, andererseits wirkte das Ganze sehr trotzig und verbissen. Aber irgendwie freuten sich alle darüber und ich mich auch. DG

KUSS Wer im März 2003 MTV schaute, kam auf einmal an zwei merkwürdigen Russinnen nicht vorbei: Das Video war in grün gehalten und zeigte Yulia und Lena hinter einem Zaun, wo sie von - so war das wohl gemeint - der Gesellschaft als solcher begafft wurden. Der typische dem Rock entlehnte Popgestus, "Wir sind hier, und ihr seid dort" kulminierte in einem innigen Kuss der beiden Sängerinnen und dem damit verbreiteten Gerücht, sie würden sich lieben. Die Größe des Kusses, der isotopisch bei Konzerten und Fernsehauftritten wiederholt oder manchmal gerade nicht wiederholt wurde, (wodurch nicht selten das Gerücht entstand, beim nächsten öffentlichen Auftritt würden die beiden übereinander herfallen), diese Größe, die von vielen kopiert (vor allem natürlich seitens Britney, Madonna und Christina Aguilera bei den VMAs 2003) aber nie wirklich erreicht wurde, machte die beiden weltberühmt, und das Video zu "all the things she said" ist insofern beispielhaft dafür, wie schnell man im Pop Geschichte schreiben kann. Siehe auch -> Poptoposisotopenoption DG

KYLIE Für den sensationellen Schnäppchenpreis eines einzigen Euros habe ich auf ebay eine DVD ersteigert, die in meinen Augen ein absolutes MustHave ist - "Ultimate Kylie" ­ die DVD also zum Best Of ­ Album vom letzten Jahr, auf der nicht weniger als 32 Videoclips von Kylie drauf sind, sprich: alle. Also das ist ja so was von toll. Das ist eine Zeitreise in die 80er Jahre und zurück, ein Objekt der Popgeschichte, der Wahnsinn. Das Ganze ist chronologisch angelegt, los geht es also mit dem allerersten Hit der kleinen Australierin "I should be so lucky", und es folgen erst einmal all die anderen Lieder, die ihr die damaligen Hitgaranten Stock / Aitken / Watermann auf den Leib generierten, "Locomotion", "especially for you" (das unfassbar grottige Duett mit Jason Donovan), "got to be certain" und und und ­ es ist wie immer, wenn man Bilder aus den 80ern sieht. Man fragt sich: Was zum Teufel haben in diesem Jahrzehnt bloß die Friseure gemacht? Dann folgen einige Lieder aus einer Zeit, in der Kylie der Erfolg verwehrt blieb, bevor dann die beiden Meilensteine ihrer Karriere zu sehen sind: Zum einen "where the wild roses grow" (1997), das Duett mit Nick Cave, welches Kylie auf einmal ganz anderen Hörern nahe brachte, zum Anderen ihr Kampfohrwurm "Can’t get you out of my head" von 2002, jenes Video mit dem Kleid, das auf der Brust wohl fest geklebt war, und dem einzigartigen Tanz bei der Kylie und die Tänzer so merkwürdig den Kopf nach schräg unten schieben, während eine Hand sich "Gehen-wie-ein-Ägypter"-artig nach hinten schiebt. Tolle Sache. Eines ist mit dieser DVD jedenfalls gewiß: Ohne das Medium des Musikvideos gäbe es die Karriere von Kylie nicht, denn wenn man sie nicht sähe, würde man mehr hören. Die Videos waren immer alle ganz in ihrer Zeit und zeitlos durch Kylie, auch wenn Clips von tatsächlich ästhetischer Größe eher Mangelware sind ­ Ausnahmen bilden hierbei, logisch, der Clip, in dem Nick Cave Kylie tot in einem See findet und der Kurzfilm zu "Come into my world", den Michel Gondry gedreht hat, und der einer der besten Clips aller Zeiten ist: Auf einer Straßenkreuzung dreht sich eine Kamera vier mal im Kreis, und nach jeder Umdrehung verfielfacht sich alles, was die Kamera einfängt: Passanten, Autos, Plakatkleber, Obstverkäufer und Kylie selbst sind zum Schluß vierfach zu sehen, eine wahre Freude diesen Clip stoppen und mit Zeitlupe abspielen zu können, weil Gondry so detailverliebt war, daß man immer wieder Kleinigkeiten entdeckt, die sich ebenfalls klonen. Auf die Idee einer mehrfachen Kylie ist allerdings bereits eine gewisser Pedro Romanyi 1997 gekommen: Im Clip "Did it again" prügeln sich fünf Kylies um die Gunst des Zuschauers. Das ganze ist wohl so eine Art Casting, und jede der Kylies hält zu Anfang ein Schild hoch, auf dem Name und so weiter stehen, und außerdem die Angabe "Geschlecht: Kylie". Das finde ich wirklich klasse. Die Idee, daß, wo andere Bands und Interpreten manches Mal ihren Stil derart verfeinern, daß dieser zum Genre wird, Kylie Minogue die Suggestion von Verfügbarkeit derartig virtuos beherrscht, daß sie zum eigenen Geschlecht wird, das praktischer Weise auch so genannt wird wie sie, diese Idee ist irre. Man könnte sich im Universum der Kylie Minogue noch mehrere Medien ihrer Images vorstellen, die zum Genre von Kylie geworden sind, und die man ebenfalls Kylie nennen könnte ­ dann wäre man irgendwann an dem Punkt, an dem der Neffe des Onkel Jodok war, in der Geschichte von Peter Bichsel: Der Neffe verehrte seinen Onkel so, daß er nach und nach die Substantive seiner Sätze durch Jodok ersetzte. Das würde sich im Falle von Kylie zum Kylie dann so anhören: "Kylie Minogue bringt am 26. Kylie ihr neues Kylie "Kylie" heraus. Die erste Kylie erscheint bereits zwei Kylies früher und wird "Kylie shylie" heißen. Wie gestern auf einer Pressekylie zu erfahren war, wird Kylie ab Kylie nächsten Kylies dann auch auf Kylie gehen, die sie auf sämtliche Kylies der Kylie führen wird. Im Kylie kommt sie zu fünf Kylies auch nach Deutschland. Der Kylie zur Kylie "Kylie shylie" wurde von Kylie Kylie in Kylie zusammen mit Kylie Kylie und Kylie von Kylie gedreht. Er wird ab dem 9. Kylie kylieweit im Kylie zu sehen sein." Wie ich gestern im Internet gelesen habe geht es Kylie nach ihrer Krebserkrankung wohl schon wieder besser, und der Popticker schickt auf diesem Wege auch noch mal beste Wünsche zur Genesung: Mögen die 32 Clips nicht alle bleiben. Siehe auch -> slow DG